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VI. Potentiale und Probleme der Nutzung technologischer
Medien in der zeitgenössischen Musik
VI.1 Technologie in der Musik: Ein Feld unbegrenzter
Möglichkeiten
Wenn wir nun abschließend eine Einschätzung versuchen, wie sich
die Nutzung der Computertechnologie in der zeitgenössischen Musik darstellt,
so ergibt sich schon alleine deshalb kein eindeutiges Bild, weil es in hohem
Maße von den KomponistInnen, ihrer jeweiligen künstlerischen
Ausrichtung sowie von den Arbeitsbedingungen abhängt, ob die Technologie
eine anregende Funktion hat oder ob eher restriktive Auswirkungen zu beobachten
sind.
Unsere Untersuchungen offenbarten zunächst eine große Bandbreite
an künstlerisch verwertbaren Möglichkeiten, die durch die neue
Technologie geschaffen werden - ob sich dies nun auf das Gebiet der Erzeugung
synthetischer Klänge oder auf die Nutzung des Computers als kompositionsunterstützendes
Instrument bezog.
Sowohl die Befragung der KomponistInnen als auch die Analyse des Leistungsspektrums
von Klangsynthese- und Kompositionswerkzeugen deuteten darauf hin, daß
diese Technologie eine völlig neue (Klang)-Welt eröffnet. Träume
von KomponistInnen dieses Jahrhunderts, die sich auf eine mögliche
Überwindung der instrumental gesetzten Grenzen bei der Gestaltung von
Klängen richten, finden mit der Computertechnologie ihre Erfüllung
und langwierige numerische Berechnungen, wie sie als Folge formal-mathematischer
Regeln bei der Organisation des Klangmaterials notwendig wurden, sind mithilfe
von Kompositionssystemen unvergleichlich leichter zu realisieren[55].
Die Tatsache, daß der Erzeugung und dem Umgang mit Klängen keine
"technischen" oder "handwerklichen" Grenzen mehr gesetzt
sind, weist aber nicht nur auf das breite künstlerische Potential neuer
Technologien, sondern stellt für die Komponisten auch eine ernstzunehmende
und potentiell problematische Herausforderung dar: Während die natürlichen
Klangkörper Töne hervorbringen, die im wesentlichen durch eine
bestimmte Klangfarbe gekennzeichnet sind, zudem abhängen von den körperlichen
Fähigkeiten der Instrumentalisten und der Ensembles und damit von vornherein
das zu realisierende Klangspektrum eingrenzbar ist, erscheint in der digitalen
Klangsynthese eine unendliche Vielfalt an Klängen produzierbar zu sein.
Die unbegrenzten Möglichkeiten, Klangfarben zu erzeugen, setzen den
Komponisten vor die Notwendigkeit, selbst Ab- und Eingrenzungen vorzunehmen,
Ordnungen zu bilden und das Klangmaterial eigenständig zu organisieren.
Weder ist hier eine Tradition zu finden, die als Fundament solcher Organisationsleistungen
fungieren könnte, noch bietet das Material selbst von vornherein Strukturierungen
in sich, die zunächst übernommen werden können.
Dieses Faktum wird dadurch erschwert, daß in der Konfrontation mit
diesem offenen Feld traditionelle Klangvorstellungen und Kompositionskonzepte
ins Schwanken geraten: Alles was begrenzt war, wird nun unbegrenzt. Der
Komponist steht einem "undifferenzierten Universum"[56]
gegenüber, der Zusammenhang im Klangmaterial muß erst angelegt
werden. In der Musikgeschichte hat es wohl kaum eine radikalere Entwicklung
gegeben, weil Komponisten sich vor die gänzlich ungewohnte Situation
gestellt sehen, den Klang selbst erschaffen und damit die dem Materials
innewohnenden Struktureigenschaften erst erkunden bzw. eigenständig
erzeugen müssen. Diese Unbegrenztheit der neuen Möglichkeiten
ist jedoch nur dann fruchtbar, wenn sie ein verändertes Musikdenken
mit sich bringt: Der Begriff des Kontinuums tritt nämlich an die Stelle
eines historisch geprägten und durch die Eigenschaften der Instrumente
vorstrukturierten "Materialraums". Und zudem wird Komposition
durch die Nutzung neuer Technologie immer mehr zur Klangerzeugung und -gestaltung:
das Spektrum des musikalischen Ausdrucks wird so deutlich erweitert.
Komposition gerät mit dem Aufkommen der elektronischen Musik immer
mehr zu einem Vorgang, bei dem Ordnung in ein Ungeordnetes gebracht werden
muß. Als "ordnungsstiftende" Instanzen können hier
begriffliche, musikalische, mathematische, physikalische, etc. Konzepte,
Modelle, historische "Floskeln", die Struktur natürlicher
Klänge, analysierte Improvisationspassagen, etc. dienen. Die Einbildungkraft
bzw. Imagination, verstanden als Fähigkeit, aus der Fülle des
konkreten Anschauungsmaterials mithilfe von selbsterzeugten oder tradierten
Kategorien eine variable Ordnung zu etablierten und neue Sinngruppierungen
vorzunehmen, ist hier angesprochen und wird bei der Nutzung neuer Technologie
in besonderem Maße gefordert.
VI.2 Das Problem des "offenen Raums"
Doch gerade bei der Notwendigkeit, in der Fülle der Möglichkeiten
Selektionen vorzunehmen und neue, unbekannte Ordnungen zu erzeugen, liegt
eines der Probleme der Nutzung neuer Technologie in der zeitgenössischen
Musik. Bereits vor vielen Jahren verwies Boulez auf diese Ambivalenz: "Übersteigt
die Freiheit, die der Komponist sich in bezug auf das Klangmaterial gewünscht
hat, seine Fähigkeiten? Bringt sie das poetische Potential des Werkes
zum verschwinden? Wird man sich je eine Synthese vorstellen können,
bei der die Widersprüche zwischen den beiden Klangwelten zugunsten
einer Erweiterung der Gefühlsstrukturen fruchtbar gemacht wären?
Werden wir uns die Sehnsüchte und Mythen eines neuen "Gesamtkunstwerks"
ersparen?"[57]. Diese, schon in
den fünfziger Jahren artikulierte Befürchtung ist seltsam wahr
geworden. Denn wir sehen uns heute genau mit dem hier angesprochenen Problem
konfrontiert, daß sich eine Schere aufzutun beginnt zwischen Kompositionen,
in denen man sich - den Angeboten des technisch Machbaren folgend - mit
rein situativen Effekten begnügt, und Konzepten, die auf einer strengstens
kontrollierten, algorithmisch ausgerichteten Form des Umgangs mit dem Material
gründen und so dessen eigentliches Potential, in der Unbegrenztheit
und Offenheit gründend, nicht nutzen. Während die stilisierte
oder ästhetisierte Umgangsform mit der Technologie eher auf die sozialen
Bedingungen ihrer Nutzung zurückzuführen ist, liegt die formal-algorithmische
Kompositionsmethodik eher in der Technologie selbst begründet und offenbart
als solche die grundsätzlich ambivalente Situation: Wenn nämlich
das Leitmotiv von Technikentwicklung, ausgerichtet auf Regelung, Ordnung
und Kontrolle, sich in den Kompositions- und Klangsynthesewerkzeugen derart
niederschlägt, daß KomponistInnen sich davon nicht wirklich distanzieren
können, dann birgt bereits diese materiale Seite eine Tendenz zur ausschließlichen
Determination in sich und der Raum für variable und offene Strukturen
wird über Gebühr eingegrenzt. Verschärft wird diese Tendenz
durch die Motivation von KomponistInnen, die - befragt nach ihrem Interesse
- häufig angeben, vor allem die "Kontrollmöglichkeiten"
solcher Systeme nutzen zu wollen. Dahinter verbirgt sich ihr Wunsch, möglichst
weitgehend die einzelnen musikalischen Ereignisse kontrollieren zu können.
Welche Funktion aber kommt der Kontrolle und Regelung in der Komposition
ganz generell zu?
Spätestens hier wird offensichtlich, daß eine grundsätzliche
Frage ins Spiel kommt, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder Diskussionsfokus
des musikwissenschaftlichen und kompositorischen Diskurses war: Die Frage
nach dem Verhältnis von Ordnung und Unordnung, von Determination und
Indetermination, von Konstruktion und Intuition, von Kontrolle und Freiheit.
Werfen wir also im Folgenden einen kurzen Blick auf die Auseinandersetzung
zwischen zwei unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Musik unseres
Jahrhunderts, die insbesondere durch die Namen Boulez und Cage repräsentiert
werden.
VI.3 Das Konzept der Kontrolle in der "Seriellen
Musik"
Die europäische Musikgeschichte ist insgesamt charakterisiert durch
das - mehr oder weniger ausgeprägte - Bestreben, den Zufall - interpretiert
als störendes Moment - in Komposition, Interpretation und Realisation
eines Stücks so weit wie möglich auszuschalten. Die serielle Musik
stellt insofern einen Höhepunkt dieses Bemühens dar, als hier
der Wunsch nach Kontrolle aller musikalisch bedeutsamen Ereignisse einen
dominanten Stellenwert einnahm. Schauen wir uns demnach die Konzepte der
seriellen Musik etwas genauer an.
In der seriellen Musik bedienten sich die Komponisten verschiedener Verfahren,
um die Eigenschaften des musikalischen Materials oder der musikalischen
Strukturen zu beschreiben oder festzulegen. Diese Verfahren oder Algorithmen
basierten meist auf einfachen mathematischen oder logischen Operationen,
die manchmal auch als Regeln formuliert wurden. Als Archetyp eines solchen
Verfahrens gilt das Schönberg'sche Wiederholungsverbot bei der Konstruktion
von 12-Ton-Reihen. Sinn dieses Verfahrens war es, ein neutrales Tongebilde
zu schaffen, in dem - im Gegensatz zum tonalen System - alle Töne gleichberechtigt
sind. Dieses sehr einfache Verfahren, das mehr als Richtlinie denn Regel
aufzufassen ist, diente in der seriellen Musik als Ausgangspunkt der Organisation
auch von anderen musikalischen Eigenschaften als nur die der Tonhöhe.
Diese Eigenschaften - auch Parameter genannt - waren im wesentlichen Tonhöhe,
Oktavlage, Dauer, Lautstärke und Klangfarbe.
Diese sozusagen "generalisierte Zwölftonmethode", die die
Komponisten der "Seriellen Schule" (Stockhausen, Boulez, Pousseur,
Koenig, etc.) im Werk Weberns schon angelegt sahen (bzw. aus diesem zu Legitimationszwecken
herausanalysiert haben), kommt einer Atomisierung der musikalischen Gestaltung
gleich, da die musikalischen Phänomene sozusagen in ihre Bestandteile
zerlegt werden (sich am damaligen Stand der Wissenschaft und Technik orientierend).
Man erhoffte sich so eine bessere KONTROLLE über die strukturellen
Eigenschaften der Komposition. Analog zur "demokratischen" Tonhöhenorganisation
Schönbergs wurden Tondauern, Oktavlagen und andere Parameter durch
mathematische und formale Regeln bestimmt.
Mithilfe der von den Komponisten festgelegten Regeln ließen sich also
musikalische Strukturen mit gewissen Eigenschaften sozusagen synthetisch
herstellen. Natürlich hingen die Eigenschaften einer konkreten musikalischen
Gestalt vom komplexen Zusammenspiel aller Parameter ab - aber natürlich
auch schon davon, was man überhaupt als Parameter identifizierte und
damit kontrollierbar machte. Parameter waren analytische Kategorien und
dienten der gezielten Synthese von Strukturen mit bestimmten Eigenschaften.
Was früher im kompositorischen Handwerk implizit zur Anwendung gelangte
und über die Werke tradiert wurde, war mit der seriellen Perspektive
explizit zugänglich und unabhängig von konkreten Stücken
handhabbar. Die Komponisten der Seriellen Schule schafften eher Modelle
von Werken als diese selbst - oder zumindest schafften sie zuerst die Modelle
und dann die Werke - während in früheren Perioden die Werke Basis
für die Erarbeitung von Modellen waren. Hier offenbart sich in anderer
Hinsicht eine Hinwendung zu einem eher "wissenschaftlichen" Zugang
zur Komposition, wie er für die serielle Schule auch hinsichtlich ihrer
Selbstetikettierung typisch war.
Generell kann man sagen, daß die Totalisierung des Kontrollwillens
der Serialisten darauf zurückzuführen war, daß man durch
die Ausweitung der Kontrolle auf alle relevanten Parameter des Klangmaterials
Floskeln, Klischees und eingeschliffene Topoi vermeiden wollte. Dies implizierte
jedoch die Gefahr, jeglichen subjektiven Akzent aus der Musik auszuklammern.
Hierzu Adorno: "Sie [die Serialisten] möchten das musiksprachliche
Element, den subjektiv vermittelten Zusammenhang, überhaupt liquidieren
und Tonverhältnisse schaffen, zwischen denen ausschließlich noch
objektive, nämlich mathematische Verhältnisse walten"[58].
Die Steuerung eines musikalischen Ablaufs durch Regelmechanismen, die als
Reihenabläufe in den verschiedenen hierarchischen Ebenen der Komposition
eingearbeitet sind, bringt serielles Komponieren in die Nähe der Programmierung.
Die Widerständigkeit der Technologie in den fünfziger Jahren,
welche die totale Kontrolle nur zu oft aus technischen Gründen scheitern
ließ, hat daher auch letztlich dazu geführt, daß mit dem
Aufkommen der Computertechnologie diese als probates Medium zur Durchsetzung
eines solchen Kontrollwillens begriffen wurde. Und so ist es nicht verwunderlich,
daß mancherorts die sogenannte Computermusik als Fortführung
des seriellen Gedankenguts in seiner vollkommensten Ausführung begriffen
wird[59].
Trotz dieser Tradition, die eine fundierte theoretische Grundlegung ermöglichen
würde, ist paradoxerweise zu beobachten, daß es nur selten ein
musiktheoretisch begründetes Konzept ist, welches der Computernutzung
zugrunde liegt, sondern vielmehr wissenschaftliche und technikimmanente
Aspekte an dessen Stelle treten. Die Utopien und Anforderungen der Serialisten
sind verdrängt worden durch pragmatisch-rationale Kriterien jenseits
primär kompositorischer Ansprüche.
VI.4 Die Durchbrechung des Kontrollgedankens:
"Lokale Indisziplin" und "Indeterminacy"[60]
Betrachten wir jedoch noch einmal genauer, ob sich der Wille zur totalen
Kontrolle wirklich so durchgesetzt hat und ob die Elimination des Subjektiven,
auf die Adorno verwies, tatsächlich in dieser ursprünglich intendierten
Ausschließlichkeit stattfand. Durch eine Gegenüberstellung der
Kompositionskonzepte von Boulez und Cage, Komponisten, die eine entscheidende
Rolle in diesem Jahrhundert gespielt haben, soll der Frage nach dem Verhältnis
von Determination und Freiheit im Folgenden kurz nachgegangen werden.
Wirft man einen genaueren Blick auf die Situation des Serialismus in den
fünfziger Jahren, dann fällt auf, daß es eine Aufbrechung
der seriellen Idee an dem Punkte gibt, wo die Idee der totalen Determination
auf die Spitze getrieben wurde und ein Umschlag des Vorherbestimmten ins
Unbestimmte, ins Chaotische zu verzeichnen ist. Dieser Umschlag, der keine
Unterscheidung mehr ermöglicht zwischen vollständig kontrollierten
und zufällig erzeugten Parametern, ist besonders gut zu verdeutlichen
am Stück "Structures 1 a" , in dem Boulez den extremen Kontrollwillen
auf die Spitze trieb. Das hier beobachtbare Umkippen vom Geordneten ins
Ungeordnete stellt den Beginn der Auflösung allzu strenger Regelung
und Determination in der Komposition dar - Freiräume beim Komponieren
selbst, vor allem aber Interpretationsspielräume für die Aufführenden
ergänzen von da an zunehmend die streng durchstrukturierten Passagen.
Obwohl demnach zu Anfang des Serialismus durchaus Stücke zu finden
sind, die der Idee der totalen Kontrolle verschrieben waren, lösten
sich somit die bekanntesten Serialisten wie beispielsweise Boulez,
Stockhausen und Pousseur von der "totalen" Serialität und
suchten nach einer größeren Flexibilität innerhalb des determinierten
Konzeptes. Boulez prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der "lokalen
Indisziplin", mit dem er zu umschreiben versucht, daß sich
zwischen Intuition und formalem Regelwerk ein Freiheitsraum aufspannt, der
eine Durchbrechung der selbstgesetzten Regeln erlaubt, je nachdem, welche
Entwicklungslinie sich aufgrund des Materials abzeichnet. Er verweist in
diesem Zusammenhang auf den Gegensatz, der seiner Auffassung nach ein grundsätzliches
Moment in der Komposition darstellt: den "Gegensatz zwischen dem Willen,
mit einem Material etwas zu machen und den Vorschlägen, die das Material
selbst macht"[61]. Unter Bezugnahme
auf seine frühen Stücke, "Structures Ia, Ic, und Ib zeigt
er auf, wie unbefriedigend es ist, wenn man ausschließlich in einem
selbstgesetzten Regelwerk verhaftet bleibt (Ia) und somit lediglich den
Gesetzen des Materials folgt. Demgegenüber verweist er mit seinen beiden
folgenden Stücken darauf, wie es gelingen kann, sich von den Angeboten
des Materials beeinflussen zu lassen und den formalen Strukturen lokal etwas
entgegenzusetzen. Komposition wird hier als Wechselspiel zwischen streng
organisiertem Material auf der globalen und freiem, indeterminiertem Umgang
auf der lokalen Ebene gedeutet. Die "lokale Indisziplin" ermöglicht
einen schöpferischen und phantasievollen Umgang mit dem "Handwerkszeug,
welches durch die Organisation des Materials zur Verfügung gestellt
wird"[62]. Boulez bezeichnet dieses
Vorgehen als Dialektik von Disziplin und Erfindung.
Dabei muß allerdings festgehalten werden, daß dieser Freiraum
auf der lokalen Ebene selbst wieder einer Kontrolle insofern unterworfen
ist, als es sich immer nur um ein Feld genau festgelegter, begrenzter Möglichkeiten
handelt. Die derart komponierten Stücke stellen eine Art konstruiertes
Labyrinth dar, das mittels verschiedener, allerdings jeweils präzise
festgelegter Pfade durchwandert werden kann. Dem Interpreten obliegt also
ein gewisser Spielraum, zwischen den Möglichkeiten, die ihm von dem
jeweiligen Komponisten angeboten werden, zu wählen. Die totale Kontrolle
der Verknüpfung einzelner musikalischer Ereignisse in der Aufführungssituation
wird so ein wenig aufgebrochen.
Allerdings nimmt Boulez - und dies verdeutlicht seinen letztlich nach wie
vor existierenden Willen zur Kontrolle - eine klare Hierarchisierung vor,
derzufolge die Komposition dem Instrument übergeordnet wird. Sein Hinweis
darauf, daß der Instrumentalist nur in Bezug auf sein Instrument denkt,
im Gegensatz dazu der Komponist jedoch stets die Gesamtgestalt einer Komposition
im Auge habe, zeigt, daß hier das determinierte Konzept der Komposition
dem konkreten Agieren, dem Prozeß der Interpretation übergeordnet
wird. Der Komponist bleibt bei Boulez Führungs- und Kontrollinstanz.
Während die, maßgeblich von Boulez und Stockhausen vertretenen
Konzepte somit also zwar gewisse Freiräume schaffen, indem sie innerhalb
eines determiniertes Werkkonzepts unvorhersehbare Entscheidungen in dem
Sinne erlauben, daß Module in der konkreten Aufführungssituation
in neuer Form miteinander verbunden werden, umschreibt die vor allem von
Cage propagierte und realisierte Richtung der "Indeterminacy",
die auch von Feldman, Brown und Wolff verfolgt wurde, eine Werkskonzeption,
in der vieles offen bleibt und dem Interpreten eine wesentliche Funktion
bei der klanglichen Gestaltung des Stückes zukommt. Morton Feldman
spricht in diesem Zusammenhang von einem Feld klanglicher Möglichkeiten,
als welches er ein Stück konzipiert. Oftmals ist nur ein Anlaß
da, der Ausgangspunkt für die Gestaltung eines Stückes ist. Cage
ist wahrscheinlich der radikalste Vertreter einer solchen Richtung, weil
er in manchen Stücken den Anspruch auf Ordnung des Klanges oder Klangmaterials
beiseite schiebt und auf unterschiedliche Weise versucht, dem Zufall und
dem Unbestimmten in der Komposition einen zentralen Platz einzuräumen[63].
Cage setzt dabei vor allem auf das Situative, weil er eine Wandlung von
der ausschließlichen Konzentration auf das Komponieren hin zur Offenlegung
der Möglichkeiten von Interpretation durchläuft. Er enthebt die
Figur des Komponisten aus ihrer traditionellen Führungsposition und
erlaubt in seinen Kompositionen den Interpreten ein hohes Maß an Freiheiten
bei der Umsetzung der Angaben in der Partitur. Während in herkömmlichen
Kompositionsvorgängen oft das Ziel darin bestand, möglichst genau
festzulegen, was in der Aufführungssituation zu geschehen habe, überläßt
es Cage den Musikern selbst, situationsgemäß zu reagieren und
legt allemal Skizzen oder Rahmenbedingungen vor. Cages Kompositionen entwerfen
für die Musiker "spezifische Möglichkeiten der Aktion und
sind, will man es dingfest machen, nichts als das Feld dieser Möglichkeiten"[64]
In manchen Stücken geht Cage sogar noch darüber hinaus und läßt
die Musiker nur isoliert voneinander spielen, um eine situative Kommunikation
auszuschließen. Jede Stimme wird so allemal mit bestimmten Direktiven
und Freiheiten ausgestattet - die Partitur wird zu einem offenen Bezugsfeld,
innerhalb dessen sich das Stück situativ entfalten kann.
Hier wird Komposition zum sinnlich-situativen Sich-Einlassen auf ein Feld
klanglicher Möglichkeiten. Die Vorstellung, Komposition sei die möglichst
genaue und präzis zu kontrollierende Umsetzung einer bereits existierenden
Idee wird in solchem kompositorischen Vorgehen ad absurdum geführt.
So umschreibt der Begriff "indeterminacy" sehr gut die grundsätzliche
Offenheit der Werkskonzeption und den zufällig-spielerischen Umgang
mit dem Material, mit der Situation. Diese Aufgabe von Kontrolle birgt zwar
die Gefahr vollkommener Beliebigkeit in sich, weist aber andererseits auf
neue Möglichkeiten des Komponierens hin, die sich in deutlichen Kontrast
zur Idee der vollkommenen Kontrolle im Serialismus setzen lassen.
Für unsere Fragestellung hier besonders hervorzuheben ist, daß
sich
beide Richtungen trotz ihrer unterschiedlichen Akzentuierung subsummieren
lassen unter den Begriff "Poetik des offenen Kunstwerks", dessen
hervorragendes Charakteristikum das der Wandelbarkeit ist. Im Kontext derartiger
Kompositionsperspektiven gibt es kein unwandelbares Stück mehr, das
auf Wiederholbarkeit ausgerichtet ist, sondern die - lediglich im Augenblick
sich offenbarende - Gestalt entsteht erst im Prozeß der Realisation
und ist auch nur innerhalb desselben gültig. Der Gedanke der totalen
Kontrolle ist hier also in Frage gestellt durch das Moment des Unwägbaren,
das durch die offene Struktur der Stücke ins Spiel kommt. Hierzu Eco:
"Jede Ausführung schließlich gibt uns das Werk ganz und
gar befriedigend und gleichzeitig unvollständig, weil sie uns nicht
die Gesamtheit der Formen gibt, die das Werk annehmen könnte"[65].
Mehrdeutigkeit der ästhetischen Botschaft ist ein neues Ziel. sich
formal widerspiegelnd in ployvalenten Form- und Strukturgestalten. Variable
Ordnungen treten an die Stelle einer determinierten Ordnung; der Prozeß
der Ordnungsbildung tritt mehr und mehr ins Zentrum.
Wie aber läßt sich eine solche Offenheit, die selbst - wie wir
oben sahen - bei Kompositionen im Kontext des Serialismus bis zu einem gewissen
Grade gegeben ist, mit einer Technologie realisieren, deren implizites Paradigma
auf Kontrolle, Regelung und Ordnung zielt?
VI.5 Technologischer Habitus, Wissenschaft und
Kunst
Wenn wir uns nochmals vergegenwärtigen, welches die Motive der Nutzung
von Computersystemen sind, und diese deuten als den für unsere Kultur
typischen Umgang mit Technologie, dann wird klar, daß es besonderer
Anstrengungen bedarf, um der impliziten Kontroll- und Regelungsfunktion
der Technologie zu entkommen. In folgendem Zitat eines befragten Komponisten
wird dies ebenso deutlich wie in den Beschreibungen anderer Komponisten:
"Computers make appear the ideology of total control, because, when
using them, you have to make things explicit, which were never explicit
and clear before"[66]. Die Explikation
birgt aber die Notwendigkeit ins sich, Aspekte der subjektiven musikalischen
Vorstellungswelt begrifflich oder gar formal fassen zu müssen, die
sich erst im Umgang mit dem Material konkretisieren und nicht vorab genau
festgelegt werden können. An anderer Stelle wird ähnliches geäußert:
"Computer zwingen einem die Übernahme abstrakter Strukturen auf,
die man selbst so nicht entwickeln würde. Ihre Nutzung kann zur Standardisierung
des eigenen Ausdrucksrepertoires führen, wenn man sich davon nicht
distanzieren kann"[67]. Genau diese
Distanzierung von den oft implizit bleibenden Ordnungs- und Kontrollstrukturen
der jeweiligen Software scheint die notwendige Voraussetzung einer Nutzung
von Technologie zu sein, die den instrumentalistischen Habitus traditioneller
Techniknutzung zu überwinden vermag. Daß dieser Habitus schon
aufgrund tradierter Umgangsformen und ansozialisierter Verhaltensweisen
schwer überwunden werden kann, wird immer dann deutlich, wenn KomponistInnen
über die Probleme berichten, angesichts eingefahrener Attitüden
und begrenzter Zeiträume neue Strategien, vor allem spielerische Formen
auszuprobieren.
Verschärfend hinzu kommt die Tatsache, daß die gegenwärtig
verfügbaren Computersysteme für Klangsynthese und Kompositionsunterstützung
häufig von Informatikern erstellt werden, die sehr selten in enger
Zusammenarbeit mit Komponisten arbeiten. Ihre Erkenntnisideale sind teilweise
sehr different gegenüber den Ansprüchen von Künstlern. Sie
perpetuieren daher in ihren Konzeptionen häufig die traditionelle Form
der Technologieentwicklung und -nutzung. Zwar wurde mit den verschiedenen
Systemen die Basis für ein neues Klangmaterial geschaffen, doch vollzog
sich dieser Prozeß zunächst unabhängig von der kompositorischen
Entwicklung und den musikalischen Ideen. Der Entwurf der meisten Musiksoftware
ist von musikinteressierten Wissenschaftlern vorangetrieben worden, und
nicht von Musikern und aus musikalischer Notwendigkeit. Das neue Material
bietet zwar grundsätzlich die Möglichkeit, jede Art von Struktur
zu bilden, doch sind diese Strukturen zumeist technikimmanent und nicht
musikalisch begründet. Die Entwicklung des neuen Klangmaterials folgt
zumeist dem, was technologisch leicht machbar ist und läßt sich
nicht auf die manchmal weit komplizierteren Probleme ein, die sich ergeben,
wenn man aus kompositorischer Sicht argumentiert. Die fundamentale Frage,
ob ein Material einer Idee adequat sei und ob die Idee mit dem Material
kompatibel sei, wird viel zu selten gestellt. Im Vordergrund steht stattdessen
allzu oft die Frage, welches Material die unmittelbaren Bedürfnisse
befriedigen kann bzw. wie man möglichst schnell ein halbwegs ansprechendes
Stück produziert. Im Extrem sind es dann plötzlich musikinteressierte
Wissenschaftler, die sich selbst zu Komponisten hochstilisieren[68].
Um dieser Situation abzuhelfen, bedarf es der Zusammenarbeit von Wissenschaftlern
und Künstlern in viel umfangreicherem Maße als bisher. Daß
dies nicht einfach ist, hat die bisherige Praxis gezeigt. Die Künstler
sollten dennoch versuchen, die technologischen Möglichkeiten und die
dahinter stehenden Konzepte zu verstehen, um sich von impliziten Ordnungs-
und Regelungsmode distanzieren zu können, die nicht ihren eigenen Vorstellungen
entsprechen. Sie müssen auch mehr als bisher Anforderungen an ein neues
Material definieren, um so dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt
Impulse zu geben. Ähnlich wie das virtuelle Wissen des Komponisten
über die Musikinstrumente (virtuell, da er ja nicht im Detail darüber
Bescheid wissen muß, wie sie wirklich funktionieren sondern nur darüber,
was man mit ihnen machen kann), sollte ein virtuelles Wissen des Komponisten
über die Möglichkeiten der neuen Technologien ausreichend für
einen kreativen Umgang mit denselben sein. Das virtuelle Verständnis
der zeitgenössischen Technologie muß in die subjektive musikalische
Vorstellungswelt integriert werden und einen Teil des musikalischen Erfindung
bilden. Voraussetzung dafür ist nicht nur - wie oben ausgeführt
- die Partizipation der Komponisten an der Systemgestaltung, sondern auch
die Gewähr hinreichender Explorationsspielräume durch entsprechende
Kunst- und Forschungsinstitutionen.
Nicht zuletzt aber muß eine neue, gemeinsame Sprache zwischen KomponistInnen,
WissenschaftlerInnen und TechnologInnen gefunden werden, die die Notwendigkeiten
der musikalischen Erfindung ebenso berücksichtigt wie die Zwänge
der Technologie. Dieser Dialog beginnt sich im Kontext der sogenannten Medienkunst
langsam zu entfalten und kann Auswirkungen haben auf das Feld der zeitgenössischen
Musik. Allerdings gilt es dabei, jenseits aller technologischen Machbarkeit
das eigentliche Anliegen der Kunst im Auge zu behalten und gegenüber
technologischen Maximen immer wieder neu zu artikulieren. Ansonsten droht
der implizite Determinations- und Kontrollanspruch der Technologie jene
Freiräume und Distanzierungsmöglichkeiten zu verdrängen,
die für ein künstlerisches Tun unabdingbar notwendig sind.
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