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IV. Das soziale und organisatorische Umfeld kompositorischer
Tätigkeit
Die dritte Ausgangshypothese unserer Untersuchung beinhaltet die Vermutung,
daß das soziale Umfeld, die materiellen und die psychischen Arbeitsbedingungen
der KomponistInnen von entscheidender Bedeutung sind für die Art und
Weise, wie Technologie im Kompositionsprozeß genutzt wird.
Uns geht es daher im Folgenden um die Analyse des sozialen Feldes[31],
in dem die künstlerische Tätigkeit stattfindet, da unsere Perspektive
von der Grundannahme geprägt ist, daß es nicht alleine der individuelle
schöpferische Geist ist, der eine Komposition realisiert, sondern daß
es ein von verschiedenen Faktoren geprägtes Gefüge ist, in welchem
das jeweilige Stück in seiner spezifischen Ausprägung entsteht.
Zu diesen Faktoren sind zu zählen: das konkrete Arbeitsumfeld, die
zur Verfügung stehenden Ressourcen, das Zeitbudget, personelle Unterstützung,
Kooperationsmöglichkeiten, die öffentliche Resonanz auf die jeweilige
Arbeit, die Akzeptanz der spezifischen Kunstgattung, die eigene Position
in diesem sozialen Feld, und anderes mehr. Insofern sind die "Umwelt"-Bedingungen
ein entscheidendes Moment bei der Untersuchung der Frage, wie eine kreative
Nutzung von Technologie gelingen kann.
Werfen wir zunächst ganz allgemein einen Blick auf die besonderen Strukturen
des sozialen Feldes künstlerischer Produktion und Rezeption.
IV.1 Die sozialen Bedingungen der Kunstproduktion
Insbesondere der Soziologe Pierre Bourdieu[32]
hat darauf hingewiesen, daß sich eine Untersuchung des künstlerischen
Produktionsprozesses nicht nur auf die isolierte Praxis einer Künstlerin
oder eines Künstlers richten kann, sondern daß es darüberhinaus
notwendig ist, den sozialen Raum, in dem Kunst produziert wird, in den Blick
zu nehmen. Denn auch das künstlerisch-kompositorische Feld ist durch
Strukturen der Divergenz zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen
Konservatoren und Avantgarden sowie durch seine Kämpfe und Reproduktionsmechanismen
charakterisiert[33]. Machtkalküle
beherrschen das Feld, sich darin äußernd, welche Arbeiten angenommen
werden bzw. ob und wo etwas aufgeführt wird, wobei nicht die realen
Interessensverteilungen offengelegt werden, sondern scheinbar objektive
Gütekriterien für die jeweilige Selektion angeführt werden.
Künstlerische Revolutionen sind somit nicht zuletzt Kämpfe um
Erhaltung oder Veränderung von Kräfteverhältnissen innerhalb
des sozialen Feldes der Kunstproduktion und -rezeption. Dabei sind die Mechanismen
der Akzeptanz und Ausgrenzung schon deshalb subtiler, weil es in der Kunst
vorwiegend um symbolische, und nicht - wie sonst üblich - primär
um materielle Anerkennungen geht. Das Feld der Kunst beansprucht darüberhinaus
einen Sonderstatus, weil es sich als relativ autonom präsentiert. Ausgrenzungspraktiken,
sich äußernd in Formulierungen wie: "Das ist keine Kunst,
keine ernstzunehmende Musik, ..." sind üblich und dienen meistens
der Etablierung bzw. dem Erhalt von Machtpositionen. Dieser symbolische
Ausschluß dient aber auch der Verfestigung bestimmter Praktiken, die
in einer Epoche als die einzig legitimen und gültigen Vorgehensweisen
deklariert werden. Dies trifft auch für die ästhetischen Konzepte
zu. Neben allen kunstimmanenten bzw. subjektiven Motivationen sind sie immer
auch zu interpretieren als symbolische Strategien im Kampf um die symbolische
Herrschaft, das heißt um die Macht über einen spezifischen Gebrauch
einer besonderen Kategorie von Zeichen und damit als Durchsetzungsversuch
einer bestimmten Weltsicht. Eine Werkinterpretation bedarf also nicht nur
der immanenten Analyse, der Bezugsetzung zu anderen Werken, der Interpretation
der Autorenintention, sondern darüberhinaus der sozialen Lage, in der
sich ein Künstler bzw. die jeweilige Gruppe der Künstler befinden.
Vor allem im historischen Rückblick wird deutlich, wie sich das künstlerische
Feld samt der für dieses typischen Legitimations- und Ausgrenzungsweisen
durch Abspaltung von aristokratischen und klerikalen Abhängigkeiten
etablierte. Akademien und Salons wurden gegründet und fungierten als
Institutionen, die über Zugehörigkeit oder Ausschluß eines
Künstlers sowie Güte und Wert eines Werkes zu entscheiden begannen.
Beherrschend wurden so innersystemische Kriterien, die in relativer Unabhängigkeit
von gesellschaftlichen Prozessen sich zu entwickeln schienen. Die Konkurrenz
um kulturelle Legitimierung wurde für die Innendynamik dieses kulturellen
Feldes entscheidend, ohne damit jedoch völlig aus den gesellschaftlichen
Strukturen herauszufallen.
Die Institutionen, die sich im Verlauf der Jahrhunderte etablierten, sind
also in entscheidendem Maße dafür verantwortlich, ob ein Künstler
als solcher akzeptiert wird bzw. ob ein Werk als "Kunst"-Werk
gilt. So werden bekannte Werke und Personen oft erst erzeugt, beispielsweise
durch Verleger, die einen Dichter "groß herausbringen",
und dabei spezifische Etikettierungs-, Werbe- und Vermarktungsstrategien
anwenden. Da jedoch zusätzlich auch wirtschaftliche Interessen eine
Rolle spielen, weil die Verleger und Multiplikatoren von Kunst und Literatur
auf den Geschmack des Publikums angewiesen sind und damit den sozialen und
politischen Gegebenheiten unterworfen werden, entpuppen sich die primär
als kunstimmanent präsentierten Gütekriterien bei der Beurteilung
einer Person oder eines Werks letztlich häufig als machtpolitisch und
wirtschaftlich ausgerichtete Faktoren. Zudem gibt es klare Hierarchien hinsichtlich
der Relevanz von kulturellen Institutionen: Je nachdem, von wem und wo man
ausgestellt wurde bzw. aufführen durfte oder verlegt worden ist, erhält
man innerhalb des kulturellen Feldes ein geringes oder hohes Maß an
Anerkennung.
IV.2 Autonomie von Kunst?
Kann man - wenn man sich diese Einbindung von Kunst in gesellschaftliche
Etablierungs- und Machtkämpfe vor Augen führt - überhaupt
noch von einer Eigenständigkeit der Kunst, oder gar von Autonomie sprechen,
wie es die Kunst für sich selbst immer wieder beansprucht(e)?
Zunächst liegt das Spezifische der Kunst darin, daß Künstler
trotz ihrer Einbindung in ein soziales Feld und ihrer Abhängigkeit
von den jeweiligen "Produktions"-bedingungen stets darum bemüht
sind, sich gegen herrschende Symbolisierungsweisen zur Wehr zu setzen und
damit dem schöpferischen Potential der Kunst jenseits der sie prägenden
sozialen Faktoren Raum zu geben. Eine gewisse Autonomie des Kunstbetriebs
ist deshalb sicherlich nicht zu verleugnen, auch dann, wenn man sich die
selbstreferentiellen Themen der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vergegenwärtigt.
Hier konzentrierte man sich mehr auf den Umgang mit der jeweiligen künstlerischen
Tradition, so daß allgemeine gesellschaftspolitische Fragen oder aber
schlichte repräsentative Funktionen der Kunst demgegenüber eine
zunehmend geringere Rolle spielten (z.B. in den Zwanzigern die Problematik
der Farbe und Form, die zum Zentrum der bildenden Kunst wurde oder in der
Musik die Entwicklung und Anwendung abstrakter Regeln, die zu neuen Kompositionsidealen
führte). In dieser Zeit vollzog der Künstler eine Abgrenzung vom
Publikum, dem er zunehmend mit größerer Gleichgültigkeit
zu begegnen schien. Dies mutet jedoch wie ein stilisiertes Klischee spätestens
dann an, wenn man sich die Abhängigkeit der Künstler von Ausstellungen
und Aufführungen allein in materieller Hinsicht vergegenwärtigt.
Bestimmten Kreisen also, die sich selbst künstlich abzuspalten scheinen,
muß ein Künstler angehören, um zu überleben, Anerkennung
zu erfahren und in einen kommunikativen Prozeß eintreten zu können.
Man muß zudem beachten, daß es den Reaktionen des "verachteten"
Publikums nicht unbedingt vollständig an kultureller Legitimation mangelt
- denn diese Reaktionen sind ebenso eingebettet in das kulturelle Kräftefeld,
welches über die Güte eines Werkes letztlich bestimmt, wie das
Werk selbst.
Aufgrund der teilweise emphatischen Abkapselung von der Gesellschaft entsteht
als Kompensation ein enges soziales Gefüge unter den Künstlern,
"kleine Bewunderungsschulen", wie Schücking sie nennt[34],
in denen nur Kritiker zugelassen werden, die sich dessen als würdig
erwiesen haben (was immer das auch heißt, wohl vor allem, daß
die impliziten Kriterien dieser Zirkel akzeptiert werden). Die Künstler
umgeben sich in diesen Zirkeln mit einem Pathos, der ihnen eine spezifische
gesellschaftliche Stellung einräumt, nämlich die, außerhalb
gängiger Konventionen und Verpflichtungen sich verorten zu dürfen.
Ein Mythos wird hier gesponnen, der einer Gesellschaft suggeriert, daß
sie desto freier sei, je mehr sie sich eine Freiheit der Künste leisten
könne. Die Kritiker unterstützen diesen Mythos, da sie sich selbst
als die einzig Befugten präsentieren, die den Intentionen des Künstlers
folgen können - im Gegensatz zu dem als unverständig etikettierten
Publikum. In dieser Funktion dienen sie den Künstlern, die wiederum
die Kritiker unterstützen - ein gut funktionierendes, sich gegenseitig
stabilisierendes Netz.
IV.3 Der Einfluß der Kunstrezeption auf
die künstlerische Produktivität
Neben den unmittelbaren Einflüssen, die durch die Kräfteverhältnisse
und Machtstrukturen auf die künstlerische Arbeit ausgeübt werden,
spielt somit auch die erwartete Rezeption des jeweiligen Kunst"werks"
eine entscheidende Rolle im Gestaltungsprozeß, bei der Auswahl der
Mittel und bei der Entwicklung von Konzepten. Die künstlerischen Ideen
stehen in enger Wechselwirkung mit dem Einfluß eines Werks in der
Gesellschaft. Die Art, in welcher Weise das Werk rezipiert und kommentiert
wird, wie es von Kritikern und Zirkeln eingeordnet wird, bestimmt den weiteren
Verlauf eines künstlerischen Schaffensprozesses mehr, als der auf ein
einsames kreatives Subjekt konzentrierte Geniekult es glauben machen möchte.
Man muß klar sehen, "daß das System der sozialen Bedingungen,
innerhalb derer das künstlerische Schaffen sich als ein kommunikativer
Akt vollzieht, genauer gesagt, daß die Position des Schaffenden in
der Struktur des kulturellen Feldes das Verhältnis zum eigenen Werk
und damit das Werk selbst nicht unberührt läßt"[35].
Künstlerische Karrieren und Biographien können somit oft als Folgen
eines externen Etikettierungsprozesses interpretiert werden.
In hohem Grade sind Künstler somit gebunden an die Funktion, die ihnen
die Gesellschaft in der jeweiligen Epoche zuweist und jedes künstlerische
Produkt ist abhängig von seiner antizipierten Akzeptanz oder Ablehnung
und seiner sozialen Einordnung. "In der Konzeption des Werks durchkreuzt
und vermischt sich daher dessen immanente Notwendigkeit, sein Anspruch auf
Ausführung, Verbesserung und Vollendung, mit sozialen Zwängen,
die das Werk von außen her lenken[36].
Demzufolge muß sich der Künstler immer irgendwie, sei es in Form
bemühter Akzeptanz, sei es in Form von Abkehr, auf sein potentielles
Publikum und dessen Wertmaßstäbe beziehen. Selbst die reinste
künstlerische Intention kann sich diesem sozialen Druck nicht entziehen
- jedes Werk ist in irgendeiner Form Stellungnahme zu den impliziten Erwartungen
und Anforderungen der sozialen Welt. So ist eine zweideutige Beziehung zu
unterstellen, die der Künstler zu seinem Werk einnimmt, zweideutig
insofern, als er einerseits seine persönlichen Intentionen damit zu
verwirklichen sucht, andererseits aber sich einbetten muß in ein soziales
Gefüge von Anerkennung und Abwehr, von Ignoranz und Kennerschaft. Gerade
dann, wenn Künstler Erfolg haben und in bestimmte Zirkel aufgenommen
wurden, lastet der soziale Druck, diesen Erwartungen auch weiterhin genügen
zu müssen, enorm auf ihnen und führt dazu, sich den Anforderungen
des Publikums bzw. des jeweiligen Zirkels anzupassen. Führt man diese
Überlegung weiter, so könnte es sogar so sein, daß erst
die kritische Bewertung und Besprechung eines Werkes zur Objektivierung
der ursprünglichen Konzeption führt: Erst die Art, wie Kritiker
und Publikum auf das Werk reagieren, bewirkt, daß sich in einem quasi
kommunikativen Akt zwischen Schöpfer und Rezipient der eigentliche
Charakter eines Werks, dessen "Botschaft" enthüllt. "In
Wahrheit ist dieser kritische Diskurs, den der Künstler kennt und anerkennt,
weil er sich in ihm wiedererkennt, dem Werk gegenüber kein Pleonasmus,
konstituiert er doch das künstlerische Projekt, indem er es beim Namen
nennt und insofern herausfordert, der kritischen Besprechung zu entsprechen"[37.]
Aber nicht nur die Kritiker sind für die Objektivierung einer künstlerischen
Intention entscheidende Instanzen, ebenso gilt dies für das gesamte
soziale Feld, in dem Kunst verortet ist: Publikum, Journalisten, Aussteller,
Mäzene, Künstlerkreise, etc. - alle Gruppierungen prägen
in wechselseitigen Dialogen und eigenen Diskursen das Produkt in seiner
intersubjektiv vermittelbaren Struktur.
Selbst- und Fremdetikettierungen halten sich dabei die Waage. Das Verhältnis
zu einem Werk, und sei es auch das des Künstlers zu seinem eigenen,
ist insofern immer das zu einem beurteilten Werk. Dabei ist er abhängig
von dem Bild, welches er von den jeweils relevanten sozialen Gruppen hat,
aber auch von den Vorstellungen, von denen er glaubt, daß andere diese
über ihn und sein Werk haben. So kann die "Wahrheit eines Werks"
letztlich gleichgesetzt werden mit der Gesamtheit aller wirklichen und möglichen
Urteile, die über dieses gefällt werden können.
IV.4 Zur Hierarchisierung der Künste
Obwohl im sozialen Feld der Kunst wechselseitige Abhängigkeiten existieren
und weitgestreute, interdependente Relationen zu finden sind, gibt es doch
funktionale Gewichtungen, die bestimmten Gruppen eine größere
Macht einräumen als anderen. Sogenannte "Tastemaker", seien
dies nun Bildungsinstitutionen, Akademien, Journale oder einfach ein mächtiges,
finanzstarkes Bildungsbürgertum können oftmals den Ton angeben
hinsichtlich dessen, was gerade als en vogue, als avantgardistisch,
als wahre Kunst gilt. Entsprechende gesellschaftliche Kräfte sorgen
auch dafür, daß es eine implizite Hierarchie gibt hinsichtlich
der verschiedenen Bereiche, in denen Kunst präsentiert wird bzw. ein
Anspruch erhoben wird, künstlerisch Relevantes zu produzieren. Das
Maß an kultureller Legitimität, welches die jeweiligen Bereiche
der Kunst genießen, variiert je nach Lage innerhalb des hierarchischen
Spektrums (hohe Kunst - niedere Kunst, ernste Musik - Unterhaltungsmusik,
etc.). Interessant ist, daß hier - unabhängig, ob man von der
sozialen Klasse her an höheren Bildungsangeboten partizipiert - das
Normengerüst fraglos akzeptiert wird, welches zu dieser Hierarchisierung
führt und sie stabilisiert. So sind z.B. die sogenannten Medienkünste
Bereiche, in denen zwar Einzelne so herausragende Leistungen bringen können,
daß diese als Kunst bezeichnet werden, doch sind sie dabei in ein
Feld eingebettet, welches klar von der Ebene des Schöngeistigen, der
hohen Kunst, getrennt ist. "Die Existenz sanktionierter Produkte und
eines ganzen Systems von Regeln, das die Form des sakramentalen Zugangs
festlegt, setzt eine Institution voraus, deren Aufgabe sich nicht nur auf
die Vermittlung und Verbreitung, sondern auch auf die Legitimation richtet"[38].
Wichtig für die Etablierung einzelner Künstlerzirkel oder ganzer
künstlerischer Gattungen im Feld der legitimierten Kunst ist offensichtlich
die Übernahme bestimmter habitueller Formen, die für anerkannte
Kunstzirkel typisch zu sein scheinen. Ein abgehobener Sprachjargon, arrogante
Attitüden gegenüber Außenseitern, gegenseitiges Hochstilisieren
innerhalb des jeweiligen Zirkels, Selektionsmechanismen, Kriterienentwicklung
und -durchsetzung - viele Umgangsformen werden übernommen, um der Außenwelt
alleine aufgrund der zur Schau getragenen Attitüde zu beweisen, daß
man zur hohen Kunst zuzurechnen ist.
Diese Etablierungs- und Abgrenzungsversuche lassen sich kaum anders deuten
als daß sie den Versuch darstellen, sich innerhalb des Kräftefeldes
der Kunst einen Platz zu erobern und diesen auch zu verteidigen. Die Beziehungen,
die der einzelne Künstler zu den verschiedenen Legitimierungs- und
Beurteilungsinstanzen des kulturellen Feldes hat, sind unmittelbar abhängig
von der Position, die er innerhalb des Feldes erlangt hat. "Was man
oft als Wettlauf um den Erfolg bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein Turnier
um die Etablierung, ausgefochten auf den Bahnen einer intellektuellen Kampfstätte,
die unter der Herrschaft der Instanzen steht, welche Anspruch erheben auf
das Monopol kultureller Legitimität und das Recht, über diese
Etablierung [...] zu befinden"[39].
Viele scheinbar fundamentalen ideologischen Auseinandersetzungen lassen
sich zurückführen auf Kämpfe um Positionen innerhalb des
künstlerischen Kräftefeld, um die Sicherung von Privilegien, um
den Kampf, diese endlich zu erhalten. So findet die "Entdeckung"
neuer ästhetischer Prinzipien oftmals in bewußter Abkehr von
überlieferten Positionen statt, um sich dadurch die damit verbundenen
Privilegien und Legitimationen auf Dauer zu sichern. "Entsprechend
verdanken selbst noch die spezifisch ästhetischen Brüche mit einer
künstlerischen Tradition zu einem gegebenen Zeitpunkt sich z.T. sowohl
denen, die diese Tradition erhalten wollen, wie auch denen, die danach trachten,
sie zu zerbrechen"[40].
Jedes Werk ist so an dem orientiert, was als aktuelles Denk- und Wahrnehmungsschema
gilt, was als wichtiges Thema und typische Herangehensweise klassifiziert
wird und was sich im Kampf um Anerkennung als die probateste Strategie erweist.
Es ist nicht der einzelne Geist, der schafft, sondern die Gesamtsituation
führt zur Auswahl und Nutzung bestimmter künstlerischer Mittel
und Ausdrucksweisen und verleiht dem "Werk" so seine Struktur
und Besonderheit.
IV.5 Komposition, Institution und künstlerisches
Feld
Übertragen wir nun diese Sichtweise auf das Feld der zeitgenössischen
Komposition, speziell das Feld der sogenannten Computermusik. Verschiedene
Faktoren lassen sich anführen, die neben den oben erwähnten allgemeinen
Bedingungen künstlerischer Tätigkeit spezifisch sind für
diesen Bereich.
Beginnen wir mit den Motiven, die von den befragten Komponisten als Ursache
für die Benutzung von Computertechnologie in der Komposition angegeben
wurden. So artikulieren viele der Befragten zwar primär künstlerische
Ansprüche, vor allem das Bemühen um eine Exploration der Möglichkeiten,
die sich mit dem synthetisch erzeugten Klangmaterial anbieten, doch schimmert
hinter diesen Aussagen nicht selten der Wunsch durch, mit der Nutzung neuer
Technologie en vogue zu werden, an bestimmte Finanzierungsmöglichkeiten
und Aufträge für Stücke heranzukommen, sich selbst als Mitglied
einer Avantgarde zu fühlen, die sich zumindest selbst so etikettiert,
eine Position im Feld der zeitgenössischen Komposition über die
Nutzung dieser Technologie zu finden, sich einem entsprechenden Zirkel anzuschließen,
um die damit verbundenen Prestigegewinne zu übernehmen, etc..
Es sind also häufig nicht nur kunstimmanente Gründe, sondern Überlebensstrategien
von Komponisten, die sich in einem hart umkämpften Feld behaupten müssen.
Dies schlägt sich nieder in den Kompositionen, die oft den Eindruck
hinterlassen, daß die Technologie nicht aufgrund einer ästhetischen
Logik eingesetzt wurde, sondern daß vielmehr Komponisten aufgrund
der gegenwärtigen Struktur des sozialen Feldes sich bemüßigt
fühlten, an irgendeiner Stelle computererzeugte Klänge einzubauen.
Befragte Wissenschaftler der jeweiligen Institutionen berichteten so immer
wieder über Komponisten, die mit dem Wunsch an sie herantraten, einen
beliebigen synthetischen "Sound" zur Verfügung zu stellen,
wobei die Eigenart und Qualität des Klanges von sekundärer Bedeutung
war gegenüber der Tatsache, daß er mit Computern erzeugt wurde.
Bestimmte Aufträge sind nämlich nach Angabe der befragten Komponisten
an die Auflage geknüpft, neue Technologien oder gar bestimmte Computersoftware
zu benutzen. Um sich symbolisch im Feld behaupten zu können oder aber
aufgrund der Notwendigkeit materieller Absicherung wird als Folge solcher
Auftragspolitik Technologie genutzt, obwohl manche Komponisten das technologische
Potential überhaupt noch nicht erforscht haben geschweige denn Vorstellungen
über eine Integration in die eigenen kompositorischen Konzepte entwickeln
konnten. Mit einer solchen Einschätzung soll allerdings nicht verkannt
werden, daß es durchaus KomponistInnen gibt, denen die schöpferische
Nutzung der Technologie gelingt, obwohl auch sie diesen "Umwelt"-Bedingungen
unterworfen sind.
Neben der Notwendigkeit, sich als Komponist im sozialen Feld der zeitgenössischen
Musik verorten und um Prestige und Ressourcen kämpfen zu müssen,
spielen aber auch konkretere Faktoren eine entscheidende Rolle für
die kompositorische Arbeit, wobei man sich immer wieder vor Augen halten
muß, in welch weitreichendem Maße kulturelle Leitbilder, gesellschaftliche
Ansprüche und die Resonanz der Öffentlichkeit die Umgehensweise
der Komponisten mit ihren jeweiligen Arbeitsbedingungen beeinflussen und
prägen.
Die Bedeutung der jeweiligen sozialen Situation für die Art und Weise,
wie komponiert wird, vor allem aber auch für die Qualität des
jeweiligen Produkts, wurde an unterschiedlichster Stelle beim Namen genannt.
So verwies beispielsweise Boulez bereits früh auf das Problem, mit
dem sich derjenige konfrontiert sieht, der mit synthetischen Klängen
arbeitet: Man steht vor einem nicht-katalogisierten, ungeordneten Material,
einem offenen Feld, das keine Ordnungschematismen traditioneller Herkunft
erlaubt. Der Schwindel, der durch diese Regellosigkeit hervorgerufen wird,
führt häufig dazu, daß Komponisten sich von der Technologienutzung
generell abwenden oder aber sich allzu schnell Lösungen zur Organisation
des Materials hingeben, die konzeptuell unbefriedigend sind. Boulez faßte
die Lage wie folgt zusammen: "Mehr und mehr lieferte man sich allerlei
Mogeleien aus, man arbeitete gleichsam mit Filmtricks. Die Illusion wurde
immer perfekter, immer verführerischer aber auch immer hohler, weil
aller illusionistische Reiz nicht darüber hinwegtäuschen konnte,
daß die Reflexion über das neue Material völlig fehlte.
[...] Verführung und augenblickliche Zufriedenheit bekamen immer mehr
die Oberhand gegenüber einer Konzeption auf lange Sicht"[41].
Diese Situation - auch für die heutige "Computermusik" charakteristisch
- ist jedoch weniger den Komponisten selbst anzulasten, als vielmehr den
Bedingungen, unter denen solche Werke entstehen: extremer Zeitdruck durch
die Auftragssituation, begrenzte Ressourcen, viel zu wenig Möglichkeiten
zur Reflexion und eine dadurch enstehende Eile beim Komponieren, die es
nicht erlaubt, sich mit den anstehenden Problemen in einer Weise zu befassen,
wie man es selbst sich wünschen würde. Die Resultate eines unter
solchem Zeitdruck stattfindenden Kompositionsprozesses sind oft unbefriedigend,
weil Komponisten zu wenig die Möglichkeit haben, sich mit den Möglichkeiten
des synthetischen Materials in befriedigender Weise auseinanderzusetzen.
Noch ein anderer Aspekt wird von Boulez ins Spiel gebracht: Komposition
sei zwar - so betont er - nach wie vor ein individueller Vorgang und als
solcher an die Person des Komponisten gebunden, da dieser den kreativen
Umgang mit der globalen Disziplin erst ermögliche, doch setze Komponieren
Materialerforschung voraus bzw. sei teilweise damit sogar gleichzusetzen.
Materialerforschung aber ist - gerade im Bereich der synthetisch erzeugten
Klänge - kollektive Forschung: Komponisten brauchen Wissenschaftler,
die ihnen die Struktur und die potentiellen Formungen des Materials erläutern.
Mit der Nutzung von Computern in der Musik findet also ein Übergang
statt: Einerseits werden Komponisten zum Teil wissenschaftlich kundig werden
müssen, um die Besonderheiten des neuen Klangmaterials explorieren
zu können, andererseits sind sie auf Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern
angewiesen, die Ihnen bei dieser Exploration zur Seite stehen - das soziale
Feld des Komponierens verändert sich dementsprechend. Genau diese Zusammenarbeit
mit Wissenschaftlern bzw. technologisch Versierten gestaltet sich in der
konkreten Praxis schon deshalb häufig als sehr schwierig, weil die
jeweiligen Berufsgruppen ein hohes Maß an Divergenz hinsichtlich ihrer
professionellen Ideale, ihrer Herangehensweise und ihrer Lebensstile aufzeigen.
Nicht selten kommt es deshalb trotz beiderseitigem Bemühen zu keiner
Verständigung und die angestrebte und oft auch notwendige Kooperation
findet letztlich nicht statt.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die häufige Abhängigkeit der
Komponisten von einem institutionellen Umfeld, welches ihnen überhaupt
erst die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellt. Bestimmte Software,
vor allem die letztlich Brauchbare, ist teilweise nur in einer Form verfügbar,
welche die Bindung an eine bestimmte Institution voraussetzt, sei es, weil
bestimmte Hardware-Austattungen notwendig sind, sei es, weil die Komponisten
eine Einführung in die Programme benötigen, sei es, weil die Auftragssituation
das Arbeiten in einer bestimmten Einrichtung voraussetzt. So kommen hier
also auch die spezifischen institutionellen Bedingungen ins Spiel, d.h.
die "Philosophie" des jeweiligen Studios, Zentrums, der Forschungseinrichtung
oder des Instituts, an dem Komponisten arbeiten können. Während
manche Institutionen sich explizit zum Ziel gesetzt haben, die Kooperation
zwischen Künstlern, Wissenschaftlern und Technologen zu fördern
und dafür auch ausreichende zeitliche und materielle Ressourcen zur
Verfügung stellen, vertreten wiederum andere Forschungszentren die
Auffassung, daß die Komponisten selbst die Möglichkeiten des
technologischen Materials explorieren müssen, um zu kreativen und befriedigenden
Resultaten zu kommen. Auf der einen Seite werden so den Komponisten musikalische
Assistenten zur Seite gestellt, die Komponisten einführen, begleiten
und unterstützen, auf der anderen Seite sind die Komponisten auf sich
alleine gestellt und müssen eigene Erfahrungen mitbringen oder erwerben.
IV.6 "Umfeld"-Probleme bei der Nutzung
von Technologie in der Komposition
In unseren Feldstudien zeigt sich, daß der "Philosophie"
einer unterstützenden Begleitung in solchen Fällen der Vorrang
zu geben ist, wo die Befragten über geringe Erfahrungen mit den entsprechenden
Computerwerkzeugen verfügen. Ohne Hilfestellung entsteht ansonsten
jene bereits zuvor skizzierte Barriere, die bewirkt, daß sich die
Komponisten ohne eigene Programmiererfahrung häufig von der Technologie
abwenden und zu klassischen Kompositionsformen zurückkehren, oder aber
in ihrer Hilflosigkeit Klischees, Standards und Vorablösungen realisieren.
Die Probleme, die sich den unerfahrenen Komponisten bei der Nutzung stellen,
sind unterschiedlicher Art: Die auf dem Markt allgemein verfügbaren
Systeme sind zwar durchaus für Computer-Laien geeignet, doch kritisieren
die Befragten an den benutzten Programmen, daß diese zumeist nach
kommerziellen Gesichtspunkten konzipiert wurden und vollkommen veraltete
Musik- und Kompositionskonzepte beinhalten (Konzept der Sequentialität,
der Tonalität, der traditionellen Harmonik, etc.) Damit sind sie als
kompositionsunterstützende Programme nicht ernsthaft nutzbar.
Diese Kritik trifft allerdings nicht für die Systeme zu, die von wissenschaftlichen
Forschungseinrichtungen entwickelt wurden, wobei hier allerdings bemängelt
wird, daß sie sich als sehr schwer handhabbar zeigen, vor allem dann,
wenn keine Einführung in die Nutzung dieser Werkzeuge erfolgt. Die
Handbücher erweisen sich eher als eine Barriere denn eine Hilfestellung,
so daß die Komponisten sehr vehement dafür plädieren, mit
Informatikern zusammenzuarbeiten oder die Systeme sehr viel benutzerfreundlicher
zu gestalten. Generell wird zudem eine größere Offenheit und
Transparenz der Systeme gefordert. Visualisierungskomponenten und graphische
Interfaces erscheinen Einigen als eine mögliche Erleichterung. Zudem
kritisieren manche Komponisten an den Systemen, daß sie eine abstrakte
Ordnung vorgeben, der man sich nicht wirklich entziehen kann. Die Kompromisse,
die bei der Nutzung solcher Systeme gemacht werden müssen aufgrund
des Umstands, daß man vorhandene Prozeduren und Strukturen nicht umgehen
kann, sind einschränkender Natur und führen - so manche der Befragten
- zu einer zunehmenden Standardisierung des musikalischen Ausdruckrepertoirs.
Ein ebenfalls wichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf die imaginationshemmende
Funktion gegenwärtig verfügbarer Computerwerkzeuge. Durch die
Tatsache, daß man ständig den inneren Klang externalisieren und
durch dauerndes Hören die eigene Klangvorstellung überprüfen
kann, gewinne das innere Klangbild immer geringere Relevanz. Man verließe
sich auf das externe Hören. Das innere Klangbild würde so sukzessive
durch ein externes akustisches Bild verdrängt, wobei nach Meinung einzelner
Komponisten dies die Gefahr in sich berge, bloßen Floskeln oder reinen
Effekten zu verfallen, weil man sich zunehmend von der eigenen künstlerischen
Idee entferne.
Befragt nach den Kooperationsmöglichkeiten zwischen Wissenschaftlern
und Künstlern, wird folgendes bemerkt:
Die Sprach- und Deutungsmuster der jeweiligen Diskursbereiche sind offenbar
noch viel unterschiedlicher als man gemeinhin glaubt. So reagieren manche
Komponisten äußerst empfindlich gegenüber den Kategorisierungs-
und Generalisierungsversuchen, die von Seiten der Wissenschaftler im Rahmen
der jeweiligen Kooperation praktiziert werden. Diese Art der Verallgemeinerung
und begrifflichen Fixierung wird als Kontrolle und Ausdruck von Eingrenzung
und Macht interpretiert, welcher alleine schon über die Sprache und
die benutzten Begriffe ausgeübt würde. Dem identifizierenden Denken
der Wissenschaft wird immer wieder das nichtbegriffliche Deuten der Welt
durch die Kunst entgegengehalten; Dinge und Phänomene sollten lediglich
beschrieben und offen gelassen werden, ohne sofort einem kategorisierenden
Zugriff unterzogen zu werden. Der wissenschaftliche Anspruch der begrifflichen
Präzisierung und der Verallgemeinerung steht nach Meinung vieler Komponisten
offensichtlich in Widerspruch zu künstlerischen, individuellen, expressiven
Haltungen. Bezüge zur Technologie, die in einer ähnlichen Form
wie die Wissenschaft eingeordnet wird, sind allemal auf der Ebene der Produktorientierung
und des Handwerklichen zu sehen. Ebenso wie Techniker sind Künstler
an der Gestaltung eines konkreten Produkts interessiert - die begriffliche
Einordnung und Interpretation steht demgegenüber am Rande.
Ganz anders stellt sich die Lage dar bei den Komponisten, die bereits seit
längerem mit der Nutzung von Computersystemen vertraut sind und die
häufig Kompositionen erstellen, in denen computererzeugte Klänge
eine wichtige Rolle spielen. Befragt nach den Möglichkeiten, die die
neue Technologie ihnen bietet, nennen die Komponisten insbesondere die Produktion
und Erforschung neuer Klangwelten, die sich jenseits der natürlichen
Klänge zur Entfaltung bringen lassen. Gerade die Klangsynthesewerkzeuge
erlauben dem kundigen Komponisten, vor allem demjenigen, der über eigene
Programmiererfahrungen verfügt, eine sehr detaillierte Arbeit am Material,
was in handwerklicher Manier kaum realisierbar wäre. Insofern eröffnet
- so die Befragten - die Nutzung von Computertechnologie in der Musik neue
Klangwelten.
Diese Komponisten, die mit den neuen Werkzeugen in einer schöpferischen,
auch für sie selbst befriedigenden Weise umgehen können, haben
zumeist in monate- oder jahrelanger Arbeit eine dezidierte Kenntnis über
das technologische Potential erworben und zudem die Spezifik der symbolischen
Repräsentation von Klängen zu deuten gelernt und in ihre eigene
Vorstellungswelt integriert. Sie verbinden mit den numerischen, symbolischen
oder graphischen Darstellungsformen in den verschiedenen Werkzeugen konkrete
Klangereignisse und können dementsprechend diese für ihre Kompositionen
nutzen. Die Gewährleistung eines Umfelds, welches die systematische,
zu Beginn didaktisch begleitete Exploration des technologischen Materials
jenseits zeitlicher, auftragsabhängiger und materieller Restriktionen
ermöglicht, ist also eine wesentliche Bedingung für einen schöpferischen
Umgang mit dem technologischen Angebot.
Zuletzt soll noch auf einen ganz anderen Aspekt hingewiesen werden, der
die Bedeutung der konkreten Umwelt für die Arbeit von Komponisten hat.
So weisen manche der befragten KomponistInnen darauf hin, daß die
jeweils verfügbaren Materialen, die Atmosphäre, die spezifische
Geschichte und Ausstattung eines Instituts oder Studios in nicht zu unterschätzendem
Maße die Art der jeweiligen Produktion beeinflussen. Ein Künstler
reagiert offensichtlich - und dies läßt sich in den Befragungen
immer wieder feststellen - sehr sensibel auf das Umfeld, in dem er/sie jeweils
arbeitet. So wie Künstler sich von Räumen inspirieren lassen,
in denen sie Installationen realisieren wollen, wirkt die Studioatmosphäre
offensichtlich als entscheidende Anregungsfunktion bei der Realisierung
eines Stücks.
Dies gilt aber nicht nur für das Umfeld der Produktion, sondern ebenso
für die Bedingungen, unter denen ein Stück später aufgeführt
wird. Die Aufführungsräumlichkeiten sind dabei ebenso wichtig
wie das Ensemble oder die jeweiligen Instrumentalisten bzw. die elektronische
Ausstattung - nicht selten schreiben Komponisten sogar für eine bestimmte
Gruppe oder einen bestimmten Spieler.
Und nicht zu unterschätzen ist auch die antizipierte Rezeption des
Stücks durch den jeweiligen Künstlerzirkel, in dem man sich bewegt,
durch das Auditorium und die Kunstkritik. Wie oben allgemein aufgezeigt,
spielen solche Faktoren bei der Wahl der Mittel und der Art ihrer Nutzung
eine entscheidende Rolle auch in der zeitgenössischen Musik.
IV.7 Resumée
Die kompositorische Tätigkeit erweist sich also in allen Stadien als
extrem umfeldabhängiges Agieren, charakterisiert durch eine erhöhte
Sensibilität gegenüber den Bedingungen, unter denen die jeweilige
Produktion stattfindet. Dies bezieht sich gleichermaßen auf das materielle
wie auch auf das soziale Gefüge, innerhalb dessen sich Komponisten
verankern müssen. Ob jemand gerade bei der Nutzung elektronischer Mittel
auf sich alleine gestellt ist oder technische Assistenz erhält, ob
er ausreichend Zeit zur Exploration der technologischen Möglichkeiten
hat oder unter starkem Zeitdruck steht, ob er die Möglichkeit hat,
mit den Instrumentalisten direkt zu arbeiten oder erst bei einer kurz bemessenen
Probe mit diesen zusammentrifft, ob die finanziellen und materiellen Ressourcen
seinen Anforderungen entsprechen oder nicht, wie die Einordnung in das durch
Konkurrenz und Abgrenzung charakterisierte künstlerische Feld gelingt
und welche Rolle in diesem Zusammenhang die Realisierung des Stückes
spielt, ob die Nutzung eines bestimmten Klangmaterials gerade en vogue
ist oder nicht, wie die zu erwartende Rezeption durch Öffentlichkeit
und entsprechende Kunstzirkel ist - dies alles sind Faktoren, die entscheidend
die Form der künstlerischen Tätigkeit beeinflussen und neben aller
unterstellten künstlerischen Inspiration entscheidend zum Ge- oder
Mißlingen eines Stückes beitragen. Der Mythos des isoliert arbeitenden,
von allen Umwelteinflüssen sich befreien könnenden Genius ist
spätestens bei der Betrachtung seines sozialen Umfelds nicht mehr haltbar.
So kann abschließend die Vermutung geäußert werden, daß
dieses soziale und materielle Umfeld, in dem Komponisten arbeiten, wohl
letztlich entscheidender für das Gelingen oder Mißlingen eines
Stücks ist als die Qualität einzelner Computersysteme oder die
Divergenz von Leitmotiven in Kunst und Technologie. Die Werkzeuge müssen
zwar bestimmten softwareergonomischen Ansprüchen genügen, um zu
gewährleisten, daß sie überhaupt handhabbar sind, und ebenso
ist es notwendig, zu einer besseren Verständigung zwischen Künstlern,
Wissenschaftlern und Technologen zu gelangen; doch sind die institutionellen
und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen offensichtlich weitaus entscheidender,
weil sie den Boden schaffen, auf dem erst eine schöpferische Nutzung
von Technologie gelingen kann.
Insofern hat sich unsere dritte Arbeitshypothese letztlich als jene erwiesen,
die auf die grundlegendsten Bedingungen für eine künstlerisch-kreative
Arbeit verweist. Dies impliziert aber, daß es - neben allen möglichen,
von uns im Folgenden aufgeführten Vorschlägen zur Verbesserung
des Status quo - immer auch am Künstler selbst liegen wird, wie er
mit diesen Bedingungen umzugehen vermag und wie er sich im künstlerischen
Feld verortet.
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