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III. Komposition: Theorie und Praxis
In unserer zweiten Hypothese führten wir die unbefriedigende Nutzung
von Computerwerkzeugen darauf zurück, daß der Kompositionsprozess
mit allen seinen Eigenarten bei der Konzeption entsprechender Systeme ungenügend
berücksichtigt wird. Auf der Basis theoretischer Arbeiten zur Komposition
im 20. Jahrhundert und verschiedenen schriftlichen Darlegungen von KomponistInnen,
in denen diese ihre Arbeitsweise beschreiben, bemühten wir uns zunächst
um eine differenzierte Analyse der verschiedenen Arbeitsphasen, die den
Kompositionsprozeß kennzeichnen sowie um eine Offenlegung der grundlegenden
Konzepte, von denen sich KomponistInnen heute leiten lassen. Begleitend
führten wir zahlreiche Gespräche und Leitfadeninterviews mit KomponistInnen,
um den Spezifika ihres Vorgehens auf den Grund zu kommen.
Uns ist dabei durchaus bewußt, daß in unsere Analysen nicht
nur die eigenen Grundannahmen über die Eigenarten künstlerischer
Tätigkeit einfließen und so die Wahrnehmung färben, sondern
zudem kennen wir die eigentümliche Divergenz zwischen theoretischer
Beschreibung und praktischem Handeln, d.h. wir wissen, daß Künstler
in Befragungen theoretische Konstrukte ihrer schöpferischen Praxis
liefern, die nur sehr bedingt mit der eigentlichen Tätigkeit in Einklang
zu bringen sind.
Die Beschreibungen der KomponistInnen sind deshalb immer mit einer gewissen
Vorsicht zu betrachten, da kulturelle Leitbilder gerade im Bereich der Kunst
zu verzerrten Selbstdarstellungen der Betroffenen führen können,
die Berichte daher als (Re-)Konstruktionen ihrer Praxis interpretiert werden
müssen.
III.1 Versuch einer Begriffsbestimmung
Wenn wir uns zunächst von theoretischer Seite aus dem Komponieren bzw.
der Komposition nähern, so erscheint eine kurze Begriffsbestimmung
und ein historischer Rückblick als hilfreich.
Ethymologisch läßt sich der Begriff "compositio" in
die Rhetorik zurückverfolgen, wo er die wohllautende Zusammenfügung
eines Satzes bedeutete. Die Verbindung von Einzelaspekten zu einem Gesamtgefüge,
welches jedem Part seine spezifische Bestimmung verleiht, galt lange Zeit
als Fundament des Komponierens und auch heute noch erfolgt an vielen Stellen
eine ähnliche Interpretation.
Nach Eggebrecht ist Komposition tonschriftlich ausgearbeitete Musik[10].
Im Gegensatz zu anderen Kunstformen ist sie als solche ein vermittelter
Vorgang, der nicht die Sache selbst unmittelbar zum Ausdruck bringt, sondern
zunächst Zeichen fixiert (Notation), die auf eine Eventualität
hindeuten[11]. Komposition fußt
also auf einer Abstraktion, die eigenen Gesetzen und einer eigenen Logik
folgt.
Durch die Figur der Komponisten ist die Komposition jeweils gebunden an
den historischen Stand der tonsprachlichen Konventionen, z.B. Art des Umgangs
mit Rhythmik, Klang, Tonalität, Harmonik, Strukturgesetzen, etc.. In
dieses Umfeld ist Komposition zwar stets eingebettet, doch zeichnet sich
gerade das kreative Komponieren durch einen Bruch mit diesem, oder eine
Neuinterpretation dieser Konventionen aus. Komposition kann so als ein eigenständiger
Diskurs gelten, dessen Diskursregeln beherrscht werden müssen, der
aber stets auch Möglichkeiten zur Neuformulierung und Überschreitung
der jeweils aktuellen Paradigmen bietet.
III.2 Kurzer historischer Rückblick
Historisch betrachtet ist die Komposition mit der Entwicklung der Notation
= Notenschrift eng verbunden. Seit dem 11. Jahrhundert entwickelt diese
sich kontinuierlich zu einem immer differenzierteren Zeichensystem. Bis
zum 13. Jahrhundert existierte der Kompositionsbegriff relativ unabhängig
vom Komponisten, der bis dahin kaum als Schöpfer eines Werks in Erscheinung
trat. Zunehmend auch wurde die mehrstimmige, schriftlich ausgearbeitete
Musik als Komposition bezeichnet und dem mehrstimmigen Ad-hoc-Gesang gegenübergestellt.
Im 15. Jahrhundert entstanden die ersten Kompositionslehren, die dazu beitrugen,
daß bestimmte kompositorische Prinzipien intersubjektiv verfügbar
wurden (Im selben Zeitraum wurden Instrumentallehren geschrieben, d.h. Anleitungen
zum Spielen verschiedener Instrumente). Allgemeine Techniken avancierten
so zu einem wichtigen Bestandteil der damaligen Musik. Im 16., 17. und 18.
Jahrhundert kristallisierten sich aus der kompositorischen Praxis theoretisch
abgegrenzte Einzelbereiche der Komposition heraus: Harmonielehre, Kontrapunkt,
Generalbaß, Fugen- und Sonatensatzform. Diese wurden zu Normen, auf
die der einzelne Komponist zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt Bezug
nehmen mußte. Parallel zu der wachsenden Bedeutung des einzelnen Subjekts
in Philosophie, Politik und Geschichte rückte auch die Figur des Komponisten
immer mehr in den Mittelpunkt - im Geniekult des 18./19. Jahrhunderts zu
seiner vollen Blüte gelangend. In der Wiener Klassik gewann dementsprechend
der Mensch, seine Affekte, seine Lebendigkeit und Freiheit ein zentrale
thematische Bedeutung. Für diese klassische Periode kennzeichnend ist
die Idee der musikalischen Reinheit, das Zusammenfallen von Inhalt (dem
Meinen, der Intention) und Form (dem Erscheinen, der Gestalt). Im 19. Jahrhundert
war Komposition vor allem durch die Auseinandersetzung mit der klassischen
Wiener Schule gekennzeichnet. Ein antithetischer Grundzug, der auch die
geistesgeschichtliche Situation charakterisiert, findet sich in dieser Periode
in der Komposition insofern wieder, als Inhalt und Form wieder auseinandergerissen
werden. Ausdruck (= Inhalt) und Form (= absolute Musik) erschienen als zwei
unabhängig voneinander zu betrachtende Momente. Die absolute Musik
repräsentierte eine eher an der Form sich orientierende Sichtweise
und damit die Auffassung, daß Musik nicht an Zwecke gebunden sein
sollte und außermusikalischen Intentionen nicht zu folgen habe, da
sie aus sich selbst heraus spreche, autonom sei und damit am reinsten in
der Form der Instrumentalmusik auftrete. Musik sei begriffslos, ohne Worte
und bringe sich nur durch sich selbst und die in ihr vorkommenden Formen
zur Geltung. Dagegen wurde in der ausdrucksorientierten, sich auf den Inhalt
beziehenden Musik die Intention zum fundamentalen Faktor - der Inhalt, als
"Außermusikalisches Meinen" gesetzt, avancierte somit zum
motivationalen Moment in der Komposition. Da die Verwirklichung einer bestimmten
Intention im Vordergrund stand, war auch die Bindung an Formalgesetze nicht
mehr so streng und der Loslösung von den geltenden Formgebungsnormen
war der Boden geebnet.
Der Bruch mit der Tradition wurde in der zweiten Wiener Schule zu Beginn
des 20. Jahrhunderts auf die Spitze getrieben. In der Atonalität wurde
dies am deutlichsten: Das musikalische Material war nicht länger an
die herkömmlichen Normen gebunden, sondern die Art seiner Gestaltung
erschien als prinzipiell offen, d.h. nur in der konkreten Komposition eingrenzbar,
um eine bestimmte Intention zum Ausdruck zu bringen. Die Formulierbarkeit
von Regeln wurde als widersinnig betrachtet[12].
In dieser Phase erfolgte jedoch auch zunehmend ein Abschied vom Affektbezug
der Form, von der Subjektzentriertheit der Musik. Sich immer stärker
am naturwissenschaftlichen Denkideal orientierend, welches zum "Zeitgeist"
wurde und die intellektuellen Debatten dominierte, trat die Form mehr und
mehr in den Vordergrund. Das Rationalitätsideal war somit zwar in der
2. Wiener Schule schon vorhanden, erwies sich hier aber noch als gebrochen,
sich beispielsweise in der Person Schönbergs zeigend, der die Ambivalenz
einer gleichermaßen strengen form- und einer inhaltsorientierten Musik
recht deutlich offenbart.
Die endgültige Ablösung von der subjekt- und inhaltszentrierten
Tradition erfolgte erst in der Seriellen Musik. Motiviert durch die nötig
gewordene Abkehr vom Faschismus und seiner Affektorientierung, bemühten
sich die Serialisten nicht nur darum, eine vollkommen neue, radikal mit
der belastenden Tradition brechende Musiksprache zu finden, sondern sie
fanden in den elektronischen Errungenschaften der fünfziger Jahre auch
die Grundlagen zur Bildung von neuem musikalischen Material vor. Der Bruch
mit der Tradition implizierte die Suche nach einer formalen Struktur, die
an die Stelle inhaltlicher, subjektzentrierter Orientierung treten sollte.
Zudem wurde der Gedanke der Freiheit des musikalischen Materials aufgegriffen
und weitergeführt. Alle musikalisch relevanten Faktoren, nicht nur
die Tonhöhe und Tondauer, sondern auch die anderen Aspekte des Tonsatzes
(Instrumentierung, Gruppierung, Dichte, etc.) wurden nach geregelten Verfahren
geordnet. Komposition folgte einem formalen Plan, der den einzelnen Ton
festlegte, einem bestimmten zuvor festgelegten Prinzip folgend.
Ein grundlegender Gedanke der seriellen Musik war der Versuch, eine Vermittlung
zwischen der Gesamtform einer Komposition und den akustischen Eigenschaften
des Klangs herzustellen. Scheinbare Gegensätze in der Musik wurden
nicht länger als Gegensätze, sondern als verschiedenartige Ausprägungen
zeitlicher Prozesse begriffen[13]. Daraus
folgte, daß die verschiedenen musikalischen Aspekte einem gemeinsamen
Organisationsprinzip unterworfen werden konnten, wobei dieses allgemeine
Prinzip eine verbindliche Folge von Zahlenproportionen darstellte. Ursprünglich
voneinander getrennte musikalische Aspekte konnten so in Beziehung miteinander
gesetzt werden, indem ein umfassendes Strukturprinzip, die Proportionen
der Reihe, einem Stück die angestrebte formale Reinheit und Konsequenz
verleihen sollte. Musikhören geriet hier zum Musikdenken.
III.3 Aktueller Diskurs zur Komposition
Im Informellen der musikalischen Kompositionen der 60er Jahre kündigt
sich bereits die poststrukturalistische Wende an. Der Gegensatz zwischen
der formalen, seriellen Kompositionstechnik der 50er Jahre und der informellen
Musik ist sicherlich auch unter der Perspektive interessant, inwieweit bestimmte
Kompositionstechniken den Weg für den Einsatz von Computern ebneten
und wo Gegenströmungen erkennbar werden.
Der Versuch der Einordnung der postseriellen Musik orientiert sich bei Borio[14]
eng an der zeitgeschichtlichen Situation, die durch den (scheinbaren) Konflikt
von Moderne und Postmoderne charakterisiert ist. Die Postmoderne ist für
ihn maßgeblich gekennzeichnet durch die Konstatierung des Verlusts
einer Metaerzählung, d.h. durch die Aufgabe jeglicher universeller
Geltungsansprüche, wie sie beispielsweise von der Moderne im Hinblick
auf die Rationalität immer noch erhoben werden, sowie durch die Abkehr
vom Geschichtsdenken bzw. der Auflösung der traditionellen Unterstellung
eines immer irgendwie existierenden Ursache-Wirkungsverhältnisses.
Die musikalische Postmoderne wird oft mit dem Namen John Cage assoziiert,
zum einen, weil sein Ausgangspunkt die Zufallsmusik war, zum anderen, weil
er sich einem Projekt der "subjektentbundenen Musik"[15]
verschrieb, welches seine Nachfolger konsequent fortzusetzen versuchten.
Diese Loslösung vom Subjekt ist gekoppelt mit einer Abkehr vom Strukturbegriff,
der immer wieder als prototypisch für die Moderne in der Musik gilt.
Dies ist insofern zunächst überzeugend, als in Anlehnung an den
Strukturalismus der Begriff der Struktur in der seriellen Musik einem universalistisch
geprägten Prinzip entspricht, dem alle Einzelelemente sich letztlich
unterzuordnen haben. Die Postmoderne ist aber - wie oben gezeigt - gerade
durch die Ablehnung jeglicher universaler Geltungsansprüche gekennzeichnet,
insofern ist die Abkehr vom Strukturbegriff eine konsequente Folgerung.
Danuser verweist auf diesen Aspekt[16]:
"Rechnet zu den unveräußerlichen Prinzipien moderner Kunst
eine Komplexität der Struktur und Vielbezüglichkeit der Form,
die sich der Hörerfahrung immer nur partiell mitteilen kann, so zielen
die hier entwickelten Ansätze darauf, die musikalische Struktur völlig
auf ein unmittelbares Fassungsvermögen des Hörers auszurichten".
Borio wertet die Danuser'sche Deutung, daß die musikalische Postmoderne
mit einer Abwendung vom Strukturbegriff gleichzusetzen sei, als problematisch.
So betont er, daß im Informellen weder die Struktur ausgeklammert
noch gering bewertet werde, sie sei vielmehr nicht länger werkfundierende,
tragende Instanz. Informelle Musik ist aber insofern postmodern, als sie
den traditionellen Zeitbegriff auflöst - Sequentialität als kompositorisches
Prinzip wird durchbrochen[17].
Borio plädiert statt der hier deutlich werdenden Kontrastierung von
Moderne und Postmoderne im Wellmer'schen Sinne[18]
für eine Sicht, derzufolge die Postmoderne als kritische Selbstbefragung
der Moderne gedeutet wird. Dies hat bereits begonnen in der kritischen Auseinandersetzung
mit Begriffen wie Werk, Material, Zeit und Subjekt, welche als konstitutiv
für die Moderne betrachtet werden.
So ist der Adorno'sche Materialbegriff und die radikale Auseinandersetzung
mit demselben ein gutes Beispiel für eine kritische Selbstbefragung.
Adorno zum Materialbegriff: "Die Annahme einer geschichtlichen Tendenz
der musikalischen Mittel widerspricht der herkömmlichen Auffassung
vom Material der Musik. Es wird physikalisch, allenfalls tonpsychologisch
definiert, als Inbegriff der je für den Komponisten verfügbaren
Klänge. Davon aber ist das kompositorische Material so verschieden
wie die Sprache vom Vorrat ihrer Laute. Nicht nur verengt und erweitert
es sich mit dem Gang der Geschichte. Alle seine spezifischen Züge sind
Male des geschichtlichen Prozesses"[19].
Material, im Adorno'schen Sinne, ist ein subjektvermittelt und damit historisch
geronnenes objektiviertes Substrat. Daß das Material in einen historischen
Prozeß eingebunden ist, erscheint überzeugend - die Idee einer
"objektiven Tendenz" des Materials, derzufolge es zeitgemäßes
und historisch überkommenes gibt, schon fragwürdiger. So ist aus
unserer Sicht die Kritik der Informellen an dieser Objektivität materieller
Entwicklungen nachvollziehbar, wenn auch die Folgerungen, die in einer Idee
freier Verfügbarkeit aller historisch und kulturell entwickelten Materialien
mündet, der Gefahr der Beliebigkeit allzu rasch erliegen könnte.
Damit einher geht die Dezentrierung des Subjekts als wertsetzender Instanz.
Wenn das Subjekt als jene Person gedeutet wird, die über die Verwendung
von Material diesem zu seiner historisch eindeutig einzuordnenden Objektivation
verhilft, dann ist mit der Abkehr vom Materialdenken auch eine Abwendung
vom Subjekt verbunden[20].
Die Sichtweise auf Komposition, wie sie sich gerade in der zuletzt beschriebenen
Diskussion zwischen Serialismus und Postserialismus bzw. Moderne und Postmoderne
abzeichnet, hat Einfluß auf die Selbstbeschreibung und das Procedere
von Komponisten. Die Richtung, der man sich von seiner Herkunft und Ausbildung
her mehr gegenüber verpflichtet fühlt, spiegelt sich wieder im
Konzept der Komposition, in der Selektion und der Strukturierung des Materials
und in der Wahl der Mittel bei der konkreten Exploration einer musikalischen
Idee.
III.4 Praxis des Komponierens: eine empirische
Studie
Wenn wir uns nun in einem zweiten Schritt der Frage nähern, wie eine
Komposition konkret realisiert wird, d.h. wie Komponisten jeweils arbeiten,
so sind die Formgesetze und Paradigma einer einzelnen Epoche zwar als determinierendes
Umfeld zu begreifen, doch zeichnet sich ja die künstlerische Tätigkeit
gerade durch das Überschreiten dieser vorgegebenen Formen aus. Wie
es nun konkret zur Umsetzung eines künstlerischen Einfalls kommt, wie
das jeweilige Material die Art der Komposition beeinflußt, welche
handwerklichen Techniken erforderlich sind und wie sich die jeweilige Epoche
und das spezifische Umfeld auf die Komposition auswirken, dies alles sind
offene Fragen, die im Folgenden nur ansatzweise behandelt werden können.
Komponisten, die beschreiben sollen, wie ihnen die Umsetzung eines künstlerischen
Einfalls in ein Werk gelingt, zeigen häufig eher abwehrende Haltungen
oder flüchten sich in eine Mystifizierung der eigenen Praxis. Doch
überwiegt die Aussage, daß man im Akt des Komponierens nicht
gleichzeitig sein eigener Beobachter sein könne, weil man allzu konzentriert
dem Handeln sich hinzugeben habe. Insofern sind Untersuchungen zum kompositorischen
Procedere von vornherein mit dem Problem mangelnder Artikulierbarkeit der
Praxis bzw. dem Umstand konfrontiert, daß entsprechende Beschreibungen
oft eingebettet sind in eine kulturell vorgeprägte Sicht der künstlerischen
Tätigkeit. Und zudem fällt auf, das Fremd- und Selbstbeschreibungen
über das Komponieren häufig eine große Abhängigkeit
aufweisen von den theoretischen Modellen, die innerhalb der soziologischen,
philosophischen und psychologischen Diskurse der jeweiligen Zeit gerade
en vogue sind. Praxisbeschreibungen von Komponisten sind demnach
zumeist theoretische Konstrukte und haben als solche nur geringen Erklärungswert.
Werfen wir aber dennoch mit allem entsprechenden Vorbehalt einen Blick auf
die Selbstbeschreibungen von heutigen KomponistInnen:
Komponieren - so beschreibt es beispielsweise ein renommierter Komponist
- ist die Suche nach einem Klang, der in irgendeiner Weise in den Raum gestellt
wird. Dabei ist diese Suche abhängig von den Gesetzen der Strukturierung
und Organisation des Klangmaterials, die zu einer bestimmten Zeit diskutiert
werden. Diese Struktur ist einerseits bindend, andrerseits lediglich Rahmen,
innerhalb dessen etwas entsteht. Das künstlerische Agieren in diesem
Rahmen setzt einen subjektiv gefärbten Umgang damit voraus. "Warum
klingt authentische Kunst? Weil der authentische Autor sich über die
Strategie hinwegsetzt, weil System für ihn nur ein Name ist, eine Chiffre,
ein Zeichen für etwas, was schon da ist, für eine Klang-erlebnisqualität,
die schon in ihm war"[21].
Der Komponist betont weiterhin, daß Komponieren - verstanden als Schaffung
eines Klangs - einen plastischen, körperlichen Umgang mit Klang voraussetzt,
so als würde man eine Skultpur herstellen, als würde man einen
Klangkörper formen. "Ich bin ein Bildhauer, ein Skulpteur, der
das Material in die Hand nimmt und es zum Leben bringen muß"[22].
Die hier sich äußernde Dimension des Handwerklichen, des Körpergebundenen
bei der Komposition steht im Widerspruch zu den Elaboraten des Geniekults,
denen zufolge der künstlerische Einfall sich nahezu von selbst ins
Werk setzt.
Den Aussagen zufolge nimmt der Klang eine eigentümliche Zwitterstellung
an zwischen einem körperlichen und einem unsichtbaren Phänomen.
Musik ist kein Körper aber sie trifft unseren Körper in physiologisch
spürbarer Form. Man ist von der Musik erregt, bewegt, benommen. Wenn
man komponiert, formt man an Körpern und Gestalten, man formt das Material,
obwohl es körperlos ist. Die Art der Formung ist dabei natürlich
geprägt von bisherigen Formungsmustern, von hergebrachten Organisationsformen.
Die Überwindung dieses Hergebrachten, die freie ungebundene Formerfindung
beim Umgang mit dem Material stellt für den Komponisten eine ideale
Situation dar.
Ein anderer Komponist, offensichtlich sehr viel mehr einer bewußtseinsphilosophischen
Tradition verhaftet, spricht vom Moment intensivster schöpferischer
Inspiration, in dem der Einfall für das gesamte Kunstwerk geboren wird.
Zwar sei als Folge dieses Einfalls die Konzeption eines gesamten Werkes
bereits vorhanden, doch erwiesen sich viele Detaileigenschaften zu diesem
Stadium noch als unbestimmt und nebulös. Konkret sei dagegen der Einfall
"in seiner affektiven Grundhaltung"[23],
seinem harmonischen Umfeld und in seiner Klangfarbe". Hier wird Komponieren
mit Variation, mit Zusammenfügung gleichgesetzt, wobei die Art der
Zusammenfügung zwar einer zuvor festgelegten Konzeption im Groben entspräche,
aber in den konkreten Einzelheiten noch offen sei und eher situative Entscheidungen
möglich mache. Hier wird ein Stück durchgängig vom Anfang
bis zum Ende komponiert, im Gegensatz zur Arbeitsweise von Komponisten,
die eher fragmenthaft arbeiten, d.h. einzelne Module fertigstellen und diese
dann später erst zusammenfügen.
Ein weiterer Komponist[24] bringt eine
andere Sichtweise ins Spiel. Er setzt zunächst an beim inneren Monolog
an Klängen, Melodien, Rhythmen, etc., der für jeden Komponisten
schon aufgrund einer erhöhten Sensibilisierung und einer Konzentration
auf eine akustische Vorstellungswelt charakteristisch sei. Dies sei jedoch
eher als Begleitmoment oder Nachhall einer Komposition zu interpretieren
und nicht als die Basis eines konkreten Werks.
Als Ausgangspunkt für eine Komposition gilt hier der Auftrag oder die
bewußte Entscheidung, ein bestimmtes Stück zu realisieren. Dabei
legt ein Auftrag zumeist die Ressourcen, die Instrumentalbesetzung und den
Zeitrahmen fest und wirkt dementsprechend als Rahmen, innerhalb dessen die
Verwirklichung eines Werks erfolgen soll. Bei der Umsetzung dieses Auftrags
herrscht zunächst völlige Unklarheit oder "Dunkelheit",
wie der Komponist sich ausdrückt. In dieser Anfangsphase existiert
allemal eine wolkige Vorstellung über das Stück, ohne Umrisse
oder Details, aber dennoch bereits mit einer bestimmten Individualität
und einem spezifischen Charakter ausgestattet. Diese Vorstellung existiert
allemal auf einer vorsprachlichen Ebene und entzieht sich somit einer konkreten
Beschreibung. Auch hier finden sich wieder Metaphern, die das körperliche
Moment hervorheben: man formt ein Material, ähnlich wie ein Bildhauer
seine "Skulptur formt", man gibt dem Klangmaterial Gestalt, schafft
einen Klangkörper, eine "Kontur" des Werkes, durch welches
es seine "Plastizität" gewinnt. Die latent vorhandene Mystifizierung
des künstlerischen Einfalls, die hier erfolgt, ist zwar mit Vorsicht
zu betrachten, doch findet man eine weitgehende Übereinstimmung bei
allen befragten bzw. sich selbst beschreibenden Komponisten an dem Punkt,
wo die ersten Vorstellungen als dunkel, vage und doch schon ganz und gar
eine Tendenz angebend beschrieben werden, eine Tendenz, die eine Richtung
angibt für den Umgang und die Strukturierung des jeweiligen Materials[25].
Das Problem der Beschreibung dieser ersten Phase wird von manchen Komponisten
dadurch zu lösen versucht, daß diese graphische Skizzen anfertigen,
die der "musikalischen Geste", der globalen Struktur dieser Primärvorstellung
entsprechen. Mit diesem Vorgehen wird auch der Körperlichkeit des ersten
Einfalls Rechnung getragen, weil es sich eher um einen Entwurf, eine "Klang-Figur"
oder "Klanggestalt" denn um eine präzise Idee oder eine bereits
festliegende Konzeption handelt.
Diese Charakterisierung findet sich auch wieder in den Ausführungen
einer weiteren von uns befragten Komponistin[26],
die den Kompositionsprozeß folgendermaßen beschreibt: Zu Beginn
eines jeden Stücks steht die Vorstellung eines Klangs oder Klangbildes,
welche zumeist eine Abstraktion von konkreten Klangerfahrungen darstellt.
So wird beispielsweise ein Glockenklang zunächst über die Vergegenwärtigung
der Klangquelle erinnert, dann aber von dieser konkreten Klangquelle gelöst,
was zu einer Verselbständigung der Klangimagination führt. Dabei
spielt die Erinnerung an bereits gehörte Klänge eine wesentliche
Basis, doch muß eine Loslösung von dieser konkreten Erfahrung
erfolgen, um die innere Struktur eines Klanges so wahrnehmen zu können
und damit sich aus dieser die Struktur eines Stückes ergeben kann.
Neben der Klangerinnerung als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer
Komposition können auch Tonbandaufnahmen als Quelle dienen. Ein Beispiel:
Die Komponistin nahm das Geräusch von im Wind flatternden Fahnen auf
und analysierte den Dynamikverlauf des Klangs, um diesen zur Grundlage ihres
Stückes zu machen.
Klangvorstellungen werden von der Komponistin häufig durch eine mit
Kohle, Kreide oder einem Pinsel erzeugte Skizze in eine körperliche
Bewegung übersetzt, um die Dynamik des Klangs körperlich nachempfinden
zu können und diese Bewegung gleichzeitig auch festzuhalten. Die benutzten
Hilfsmittel zur Anfertigung der Skizze garantieren dabei die Beibehaltung
der Dynamik, weil beispielsweise die Benutzung eines Pinsels dem körperlichen
Eindruck der Dynamik nicht entgegensteht. Diese präformale Form der
"Imaginations-repräsentation" soll den Übergang von
der mentalen Klangvorstellung zur formalen Notation erleichtern. Wir fanden
bei vielen der befragten KomponistInnen ähnliche Verfahrensweisen und
schlossen daraus, daß offensichtlich das Verhältnis von innerem
Klangbild und externer Repräsentation ein sehr spannungsreiches ist[27].
Ausgehend von der Graphik werden von der befragten Komponstin eigene, neue
Notationszeichen erfunden, die in Beziehung zu der präformalen Fixierung
von Klangeindrücken und Klangaufnahmen stehen. Die Semantik dieser
Notationszeichen wird in einem Anhang zur Partitur den Instrumentalisten
ausführlich erläutert. Zudem wird die präformale Skizze analysiert
mithilfe eines Rasters (= Lineal, welches die Skizze in horizontale und
vertikale Linien unterteilt). Die horizontale Rasterung entspricht der Frequenz
= Tonhöhe der einzelnen Abschnitte, die vertikale Rasterung der Zeitunterteilung
= rhythmische Gliederung. Aufgenommene, nicht skizzierte Klänge werden
einer ähnlichen Rasterung unterworfen, indem mit Stoppuhr die einzelnen
Klangsegmente analysiert werden.
Neben der Klangimagination und den Tonbandaufzeichnungen von "natürlichen"
Klängen stellt auch die (Klavier-) Improvisation für die Komponistin
einen wichtigen Ausgangspunkt für die Komposition eines Stücks
dar. Entsprechende improvisierte Passagen werden analysiert, um die Struktur
dieser Momente zu klären. Die Analyse umfaßt die Gestaltung unterschiedlicher
Parameter wie Tonhöhen, Klangfarben, Rhythmus, etc., vor allem aber
auch die Untersuchung von Tonreihen, Intervallen, Akkorden, etc. um bestimmte
Strukturierungsprinzipien der Improvisation zu identifizieren und diese
zur Grundlage des daraus sich entwickelnden Stücks zu machen. Die Komponistin
spricht in diesem Zusammenhang von dem Entdecken ihrer eigenen musikalischen
Sprache, d.h. der Identifikation der Syntax, die den improvisierten Passagen
latent zugrunde liegt.
Die Komponistin beschreibt folgerichtig ihren eigenen Kompositionsstil als
Wechselspiel von Intuition und Logik. Entsprechend kann man festhalten,
daß das (häufig intuitiv entstandene) Klangmaterial, sei es nun
die Tonbandaufnahme, die Klangvorstellung oder die Improvisation, anhand
formaler Kriterien analysiert wird, wobei das Ergebnis dieser Analyse in
die endgültige Komposition und Notation mündet.
Ein weiterer befragter Komponist[28]
stellt seine Arbeit vor allem als Auseinandersetzung mit einer Leitidee
dar, die für ihn Motiv und Ausgangspunkt für die Suche und den
Umgang mit dem Material ist. Ihn interessieren so beispielsweise Bruchstellen,
d.h. diejenigen klanglichen Augenblicke, in denen das Instrument noch seine
Qualität bewahrt, aber auch schon Klänge sich andeuten, die in
eine ganz andere Richtung weisen, quasi ein neues Instrument verkörpern
würden. Gemeint sind die Bruchstellen zwischen synthetischen und natürlichen
Formen, zwischen Klassen von Instrumenten (Holz- versus Blechbläser),
die Arbeit an der Grenze, an der isolierbare musikalische Einheiten in offene
Strukturen zu kippen drohen. Insofern sind beispielsweise Atemgeräusche,
die beim Blasen eines Instruments auftreten, von großer Attraktivität,
bewahren sie doch einerseits die organische Qualität des Klangs und
sind andererseits genau dort zu finden, wo der Klang des Blasinstruments
ins Rauschen abkippen wird.
Damit ist auch schon das Vorgehen des Komponisten charakterisiert: natürliche
Klänge werden aufgenommen, und zwar meist mit sehr großer Verstärkung.
Damit sollen Geräusche in eine Komposition Eingang finden, die sonst
nicht zu hören sind. Die auf diese Weise erzeugte Materialfülle
wird insofern geordnet, als Abstraktionen vorgenommen werden, denenzufolge
Klangkategorienen gebildet werden, wobei einzelne Parameter (Hüllkurve,
Frequenz, Rauheit, etc. des Klangs) ebenso entscheidend sind für die
kategoriale Zuordnung wie eine perzeptiv-gründende Einschätzung
des Komponisten. Bei dieser Abstraktion sind Computersysteme hervorragende
Hilfsmittel. Diese Abstraktion ist jedoch nur ein Schritt hin zur Konkretisierung
der selektierten Klänge, denn die Klangklassen bedürfen einer
feinfühligen Formung durch den Komponisten selbst.
Ähnlich wie für die anderen Befragten ist der Komponist der Auffassung,
daß das Material eine Eigendynamik entfalte, welcher der Komponisten
zu folgen haben. Dies bedeutet jedoch, daß dem Komponisten hinreichend
Zeit zur Exploration von Klängen zur Verfügung stehen muß,
um hören zu können, wohin sich der Klang entwickeln will, welche
anderen Klänge man anstreben kann. Komposition erscheint hier als Kompromiß
zwischen abstrakten Strukturen oder Prinzipien und den konkreten Klängen,
die ihre "eigene Personalität" und "Präsenz"
haben. Komposition ist Exploration der Möglichkeiten, die sich gleichermaßen
durch die kompositorische Idee als auch die Tendenzen des Materials anbieten.
Komposition beinhaltet aber auch die Festlegung der musikalischen Bedeutung.
Dabei versteht der Komponist unter musikalischer Bedeutung den Grund, warum
ein Klang zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle ist - dies
ist nicht nur durch abstrakte strukturelle Vorgaben festzulegen, sondern
ebenso durch den Klang, der hier eine bestimmte Formung und Verortung nahelegt.
Dabei hebt der Komponist hervor, daß man nicht bei der bloßen
Erfahrung des Klanges stehen bleiben kann, sondern daß es der reflexiven
Distanz, der Kontrolle und Ordnung bedarf, um zu einer Komposition zu kommen.
Gleichzeitig betont er aber ausdrücklich, daß der sinnliche Explorationsraum
dieser Struktur erst Leben verleiht.
Ein weiterer von uns befragter Komponist[29]
beschreibt die Art und Weise, wie er komponiert, wiederum auf andere Weise:
Zu Beginn existieren Klangvorstellungen, Klangfiguren, Klangfragmente, Klangbündel
- es sind Instrumentenkombinationen, Klangstrukturen, die sich "im
Kopfe festgesetzt haben", die Ausgangspunkte bilden für weitere
Überlegungen. Um dieser Klangvorstellung nahe zu kommen, tritt der
Komponist nun in Auseinandersetzung mit dem Material, d.h. er probiert durch
die Anwendung bestimmter Prozeduren und Regeln, Algorithmen und Selektionsmechanismen
aus, inwieweit zum Beispiel bestimmte Intervalle den Klangfiguren entsprechen,
die er als Visionen oder Utopien sich vorstellte. Dabei wurden Klangwerkzeuge
verwendet, insbesondere ein vom Komponisten in Zusammenarbeit mit einem
Wissenschaftler selbst entwickeltes Programm, das primär der Erzeugung
von Klängen mittels Klangsyntheseverfahren dient, welches aber aufgrund
seiner offenen Struktur auch als Werkzeug zur Erzeugung und Überprüfung
von Algorithmen zur Herstellung bestimmter Tonfolgen und Harmonien verwendet
werden kann. Entscheidend bei der Erstellung eines Stücks ist die Erarbeitung
der musikalischen Struktur, d.h. die Art und Weise, wie Tonfolgen sich entwickeln,
welche Dynamik das Stück hat. Dabei drängen sich bestimmte Entwicklungsverläufe
förmlich auf - auch hier also folgt der Komponist der Tendenz des Materials.
Aus der anfänglichen Idee entwickelt sich somit erst sukzessive das
musikalische Material und die Art und Weise seiner Strukturierung. In oft
mühseliger Detailarbeit werden die einzelnen Passagen eines Werks in
der Zeit entfaltet, wird erprobt, welche Figuren, welche Klangfarben sich
aufdrängen, wie sie sich verändern und welche neuen Klangformen
sie hervorrufen. Adorno beschreibt diese Phase als Prozeß, in dem
man dem Gang folgt, der durch das Material nahelegt wird. Es ist eine Phase
des Suchens und Probierens, der Konkretion und des Widerrufs, der Überprüfung,
inwieweit der musikalische Einfall trägt, welche neuen Entwicklungslinien
sich daraus ableiten lassen.
Wenn hier nun eine sequentielle Struktur des Kompositionsprozesses unterstellt
wird, so ist dies eine idealtypische Trennung. Betrachtet man nämlich
die Bedingungen, unter denen ein kompositorischer Einfall entsteht, so finden
wir ein komplexes Gefüge vor: Komponisten, die mit erhöhter Sensibilität
auf Klänge achten und aus diesen die Idee für ein Stück entwickeln,
improvisierende Komponisten, die Klangfiguren am Instrument erproben, "Denker",
die eine komplexe musikalische Vorstellungswelt in ihren Köpfen haben,
wieder andere, die minutiös am Klangmaterial erproben, welche Entwicklungsmöglichkeiten
sich hier jeweils anbieten. Musikalischer Einfall und Konkretisierung desselben
im Verlauf der kompositorischen Arbeit verlaufen also parallel, beeinflussen
und ergänzen einander, sind letztlich nicht zu trennen. Es wäre
also falsch zu glauben, wie vor allem in der Kreativitätsforschung
der Psychologie nahegelegt wird[30],
daß es sich beim musikalischen Einfall um eine plötzliche Eingebung
im Sinne authentischer Inspiration handelt, sondern es ist eher ein gedankliches
oder konkret sinnliches und handelndes Explorieren der Möglichkeiten,
die sich in einer primär als klanglich erlebten Welt anbieten. Komposition
erweist sich also demnach nicht als Umsetzen einer Idee, die bereits relativ
konkret ist, sondern es ist ein sukzessives, vom jeweiligen paradigmatischen
Stand einer Epoche, den Auftrags- und Arbeitsbedingungen und vom Erfahrungshorizont
des Komponisten abhängiges Erforschen der Tendenzen, die sich im Material
bereits andeuten, ein Wechselverhältnis von Situation und Komponist,
das wesentlich auf dessen körperlich-sinnlicher Einbindung in die Welt
basiert.
III.5 Resumée
Wenn wir abschließend all die Eigenarten kompositorischen Tuns zusammenfassen,
wie sie uns hier in den theoretischen wie konkreten Beschreibungen entgegentraten,
so läßt sich folgendes festhalten:
- Komposition ist ein höchst individueller Vorgang, der sich kaum
durch verallgemeinerbare Modelle beschreiben oder anhand abstrakter Konzepte
dokumentieren läßt. Jeder Komponist und jede Komponistin entwickeln
im Umgang mit dem Material ihre eigene schöpferische Art, dieses zu
formen. Entsprechende Erfahrungen wirken dann wieder zurück auf die
künstlerischen Vorstellungen.
- Die entscheidenden Phasen kompositorischer Arbeit, vor allem die sogenannte
anfängliche Vorstellung, aber auch die sukzessive Exploration der Umsetzung
einer Utopie durch die Arbeit am Material, entziehen sich einer nachvollziehbaren
und reproduzierbaren Beschreibung: Die Beschreibungen von Komponisten sind
eher theoretische Konstruktionen einer Praxis, die mit dem konkreten Vorgehen
nur wenig zu tun haben. Daß, was als künstlerische Imagination
dargelegt wird, ist eine von Mythen, historischen Figuren und kulturellen
Zuschreibungsformen geprägte theoretische Erfindung, eine Form der
Beschreibung, die der immer auch vorhandenen Redundanz und Eintönigkeit
konkreter Praxis widerspricht.
- Komposition ist nicht - wie teilweise offenbar vermutet - die Umsetzung
einer bereits klaren Idee in ein Werk; vielmehr zeichnet sich der kompositorische
Prozeß durch eine zwar anfänglich bereits existierende vage Vorstellung
bzw. eine affektive Grundhaltung oder unklare Utopie aus, die sich jedoch
erst durch die Arbeit am und mit dem Material konkretisert und ihre Gestalt
erfährt. Häufig entsteht sogar erst die künstlerische Intention
durch eine Exploration des Materials, durch die unmittelbare Auseinandersetzung
mit den technologischen und ideellen Mitteln, die aktuell verfügbar
sind.
- Komposition ist eingebunden in eine historische Epoche, die gekennzeichnet
ist durch einen spezifischen Umgang mit dem Material, durch bestimmte technische
und technologische Mittel, die genutzt werden bzw. sich zur Nutzung anbieten,
durch soziale Räume, in denen Komposition stattfindet und die - je
nach kultureller Situation - spezifisch strukturiert sind. KomponistInnen
sind in diese kulturellen und sozialen Räume eingebettet - ihre Imaginationsleistungen
sind dadurch spezifiziert, wenn auch nicht determiniert.
- Komposition setzt zwar handwerkliches Können im Sinne der Materialbeherrschung
voraus, doch ist dieses Können kein verallgemeinerbares "Know-How,
sondern kann sich - von konventioneller Perspektive her - durchaus als "Nicht-Können"
manifestieren. Das bedeutet beispielsweise, daß Komponisten ihren
je eigenen Umgang mit dem Material entwickeln, der eine bewußte Distanzierung
von allgemein üblichen Handhabungsformen impliziert (z.B. bei der Nutzung
von technologischen Werkzeugen).
Diese kurzen Bemerkungen zeigen bereits, daß auch unsere zweite Ausgangshypothese
modifiziert und eingeschränkt werden mußte. Mangelnde Explizier-
und Verallgemeinerbarkeit des kompositorischen Vorgehens sowie die Tatsache,
daß Komposition nicht gleichzusetzen ist mit der Umsetzung einer Idee
durch Zuhilfenahme von Werkzeugen, zeigen, daß die Problematik gegenwärtiger
Nutzung von Technologie in der zeitgenössischen Musik nicht vorrangig
auf den Umstand zurückgeführt werden kann, daß Werkzeuge
ohne zureichende Kenntnis des Kompositionsvorgangs entwickelt wurden. Dies
ist sicherlich eine der Ursachen für die Schwierigkeiten ihrer
Nutzung und damit auch ein Grund für die geringe Akzeptanz, doch scheinen
andere Gründe - wie die bereits oben genannten Divergenzen zwischen
künstlerischen und technologischen Leitmetaphern ebenso eine Rolle
zu spielen.
Zudem aber deutete sich in den Beschreibungen der KomponistInnen immer wieder
auch an, daß der kompositorische Arbeitsprozeß wesentlich durch
die Umweltbedingungen und sozialen Umstände bestimmt wird. Dies weist
auf unsere dritte Hypothese, die wir im Folgenden untersuchen wollen.
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