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I. Einleitende Bemerkungen
Wenn wir uns im Rückblick vergegenwärtigen, welche Motive leitend
waren für die Initiierung eines Projektes über die Nutzung von
Neuen Medien in der zeitgenössischen Komposition, so lassen sich im
Wesentlichen folgende Gründe nennen:
- KomponistInnen, die mit Hilfe von Computersystemen ihre Stücke
produzieren, zeigen sich oft unbefriedigt über die Qualität und
die Nutzungsmöglichkeiten der Werkzeuge;
- Stücke, die mit Klangsynthese- oder Kompositionswerkzeugen realisiert
wurden, finden selbst bei aufgeschlossenen Anhängern zeitgenössischer
Musik wenig positive Resonanz;
- Die Nutzung entsprechender Programme erfolgt nur durch einen sehr
eingeschränkten Kreis von KomponistInnen;
- Die "Computermusikszene" ist von technologischen Leitmotiven
und Interessen dominiert[2].
Mit dem hier vorgestellten Projekt intendierten wir, einige der Ursachen
für diese Situation herauszufinden und Überlegungen anzustellen,
wie eine ästhetisch befriedigendere und breitere Nutzung von neuen
Technologien in der zeitgenössischen Musik unterstützt werden
könnte. Das Projekt wurde von drei Ausgangshypothesen geleitet:
- Kunst und Technologie sind hinsichtlich ihrer Geltungsansprüche
und Erkenntnisziele diametral entgegengesetzt - so zumindest die dominierende
These des sozialphilosophischen Diskurses. Es liegt an dieser Divergenz,
daß die kreativ-künstlerische Nutzung der Technologie nicht befriedigend
gelingt.
- Die seltene und zudem häufig schwierige Nutzung entsprechender
Werkzeuge ist - so unsere Vermutung - darauf zurückzuführen, daß
bei der Konzeption der Programme die Besonderheiten künstlerischer
Imagination zu wenig berücksichtigt werden bzw. generell die Eigenarten
kompositorischen Vorgehens ungenügend erforscht sind.
- Das soziale Umfeld, vor allem die Arbeitsbedingungen von KomponistInnen,
sind von entscheidender Bedeutung für den Erfolg des künstlerischen
Prozesses. Es ist wesentlich auf diese äußeren Umstände
zurückzuführen, ob eine sinnvolle Nutzung von Computersystemen
in der Komposition ge- oder mißlingt.
Im Verlauf des Projektes überprüften wir die verschiedenen Hypothesen
auf der Basis von theoretischen Arbeiten, einer Analyse des Leistungspotentials
gängiger Musiksoftware und empirischen Untersuchungen. Die theoretischen
Arbeiten beinhalteten insbesondere Studien zu den Besonderheiten des Kompositionsprozesses,
Arbeiten zur musikästhetischen Deutung zeitgenössischer Musik,
Darlegungen zeitgenössischer Kompositionskonzepte, musikwissenschaftliche
Interpretationen verschiedener Zeitströmungen in der heutigen Musik
sowie Konzepte und Darstellungen der sogenannten "Computermusik".
Die Analyse der Computersysteme richtete sich vor allem auf zwei Gruppen
von Systemen: Klangsynthesewerkzeuge (SoundDesigner, AudioSculpt, CSound,
CLM, Foo, etc.) und Kompositionssysteme (MAX und PatchWork). Die empirischen
Untersuchungen umfaßten Leitfadeninterviews von KomponistInnen, Gespräche
im Kontext von Fallstudien, Arbeitstreffen mit KomponistInnen-Gruppen, Beobachtungsszenarios
sowie interdisziplinäre, partizipative Systementwicklungen im Bereich
der Klangsynthese.
Im Laufe der zweijährigen Projektlaufzeit entstand so ein breites Spektrum
unterschiedlicher Eindrücke und Bewertungen. Alle Hypothesen erwiesen
sich gleichermaßen als teilweise zutreffend wie auch in der Ausschließlichkeit
ihrer jeweiligen Perspektive als zu eingeschränkt. Die ursprüngliche
Zielsetzung, klare Gestaltungsalternativen für Klangsynthesewerkzeuge
zu entwickeln, wurde aufgrund der theoretischen wie empirischen Projektergebnisse
fallengelassen und stattdessen im Kontext mehrerer Fallstudien erprobt,
wie ein evolutionärer, partizipativer Designprozeß in Zusammenarbeit
mit konkret motivierten Komponisten ablaufen kann. Denn es zeigte sich im
Laufe der zwei Jahre immer mehr, daß letztlich die Arbeitsbedingungen
und das jeweilige Umfeld erheblich entscheidender sind für eine produktive
Nutzung der Werkzeuge als die Qualität der benutzten Systeme selbst.
Gerade KünstlerInnen verfügen über die Fähigkeit, die
vorhandene Technologie in einer vollkommen anderen Weise für ihre künstlerischen
Arbeiten zu nutzen als dies der ursprünglich intendierten Aufgabe entspricht[3].
Und zudem zeigte unsere Studie, daß sich künstlerische Bedürfnisse
hinsichtlich der Qualität und Beschaffenheit von Systemen erst sukzessive,
also im Verlauf einer längeren Erprobung herauskristallisieren und
von den betroffenen KomponistInnen artikuliert werden können.
Im Folgenden wird zunächst kurz auf die erste Hypothese eingegangen
und dargelegt, wo sich Unterschiede in den Erkenntniszielen von Kunst und
Technologie feststellen lassen bzw. wo seit jeher Überschneidungen
existieren. Dieses Kapitel nimmt Bezug auf den ausführlicheren ersten
Projektbericht[4], in dem diese Thematik
bereits breiter abgehandelt wurde. Der nächste Abschnitt befaßt
sich mit der zweiten Hypothese und analysiert verschiedene Arbeiten über
den Kompositionsprozeß, Darlegungen wichtiger Kompositionskonzepte,
die in diesem Jahrhundert das Procedere von Komponisten maßgeblich
bestimmt haben und musikwissenschaftliche Ordnungs- und Abgrenzungsbemühungen
im Feld zeitgenössischer Musik. Die verschiedenen empirischen Erkenntnisse
zur Komposition werden ebenso dargelegt und ausgewertet. Das vierte Kapitel
untersucht die Bedeutung des Umfelds und der Arbeitsbedingungen für
das kompositorische Schaffen, wobei insbesondere durch empirische Untersuchungen
untermauert wird, unter welchen Umständen eine kreative und fruchtbare
Arbeit mit Computersystemen gelingt.
Im fünften Abschnitt des Berichts wird resümierend festgehalten,
worauf die Defizite gegenwärtiger Computernutzung in der zeitgenössischen
Musik zurückzuführen sind und welche Gestaltungs- bzw. Änderungsvorschläge
sich daraus ableiten lassen. Abschließend sollen grundsätzliche
Fragen der Nutzung von Computertechnologie in der Musik bzw. in der Kunst
erläutert werden. Dies impliziert zunächst eine Darstellung des
künstlerischen Potentials neuer Technologien als auch das Aufzeigen
einiger grundsätzlicher Schwierigkeiten, die sich aus dem, in unserer
Kultur dominanten, technologischen Habitus und dessen Niederschlag in der
künstlerischen Produktivität ergeben. Diese "Dissonanzen"
werden hier gedeutet als Ausdruck des grundsätzlich problematischen
Verhältnisses von Ordnung und Unordnung oder Determination und Irregularität
in der Kunst.
II. Kunst und Technologie: Divergente Sicht- und
Produktionsweisen?
Immer wieder wird - nicht zuletzt von Seiten vieler Künstler - ebenso
aber auch in theoretischen Diskursen der Ästhetik, der Philosophie
und der Soziologie - die Differenz der Leitbilder und Erkenntnisinteressen
von Kunst und Technologie hervorgehoben und infolge einer solchen Sichtweise
das Eindringen von Technologie in die Kunst als Untergang künstlerischer
Autonomie und Eigenart beschworen. Obwohl wir diesen apokalyptischen Visionen
nicht folgen wollen, schien uns diese Position doch interessant genug, um
die Hypothese zu formulieren, derzufolge es an der Unterschiedlichkeit der
Erkenntnisziele und Geltungsansprüche von Kunst und Technologie liegt,
daß die Nutzung von Computersystemen in der zeitgenössischen
Musik Probleme aufwirft. Wir haben bereits in einem vorherigen Zwischenbericht
ausführlicher diese Hypothese erläutert und werden deshalb im
Folgenden nur kurz darauf eingehen, indem wir Unterschiede, aber auch Verbindungen
zwischen künstlerischen und technologischen Leitmotiven aufzeigen.
II.1 Die zwei Kulturen
Ausgehend von den frühen Griechen finden sich bis heute Bestimmungsversuche,
die auf die Unterschiedlichkeit kultureller Deutungsmuster verweisen: so
wurden in der Philosophiegeschichte der Wissenschaft primär theoretische,
auf Wahrheitsfindung zielende Erkenntnisideale unterstellt, die Technologie
als vorwiegend praktischer, sich an Nützlichkeits- und Brauchbarkeitskriterien
orientierender Gegenstandsbereich charakterisiert, und die Kunst als zweckfreie,
expressive, individuell geprägte Erkundungsfunktion gedeutet, die diesseits
logozentrischer oder zweckdienlicher Perspektiven zu verorten sei. Damit
trat die Kunst, insbesondere im Kontext der traditionellen Ästhetikdiskussion,
in einen gleichsam natürlichen Widerspruch zur Wissenschaft und zur
Technik.
Vor allem in kulturkritischen Diagnosen, wie sie beispielsweise von Adorno[5]
entwickelt wurden, gewann die Abgrenzung künstlerischer Expressivität
gegenüber der technologischen Rationalität besondere Bedeutung.
Hier wurde Technologie als Ausdruck eines totalitären "Man"
gedeutet, demgegenüber alleine die Kunst noch einen anderen Akzent
setzen könne, indem sie auf ein mögliches "Anderes"
verweise. In dieser Interpretation werden Ordnung und Kontrolle als grundlegende
Maxime jeder technischen Entwicklung identifiziert. Ziel von Technologie
sei es, letztlich alle Aspekte des menschlichen Lebens verfügbar und
damit kontrollierbar zu machen; dies könne sich sowohl auf die Unterwerfung
der Natur beziehen als auch auf die Beherrschung sozialer Prozesse. Damit
gekoppelt ist die Anforderung an die Zweckdienlichkeit der Technik: technologische
Produkte müssen verwertbar sein, das heißt: sie müssen sich
im praktischen Gebrauch als handhabbar und nützlich erweisen. Mit einer
Ausbreitung der Technik - so die Vertreter einer kulturkritischen Perspektive
- wird die Gefahr immer größer, daß die gesamte Kultur
- der Mensch eingeschlossen - nur noch als Objekt technischer Verfügbarkeit
betrachtet wird und daß sich die zweckrationale Orientierung zunehmend
als einzig mögliches Deutungsmuster und einzig gewinnbringende Zugangsweise
innerhalb unserer Kultur erweist.
Gegenüber einer derartigen Dominanz der Technik und der mit ihr verknüpften
Haltungen hat vor allem Adorno[6] die
Kunst als möglichen Ausweg gedeutet. Ihr (metaphysischer) Erkenntnisanspruch
ist dem der Technik geradezu diametral entgegengesetzt: So soll gegenüber
der ordnenden, totalisierenden Technik im Kunstwerk das Individuelle, Besondere
zum Ausdruck kommen, das sogenannte "Nicht-Identische", begrifflich
nicht Faßbare. Und bis heute gilt innerhalb der philosophischen Ästhetik[7],
daß im künstlerischen Ausdruck neue Sichten der Welt erprobt
und artikuliert werden können, die im Gegensatz zur generellen Ordnung
und Deutungsmaxime stehen. In ihrer Zwecklosigkeit ziele Kunst gerade nicht
auf Verfügbarmachung, sondern verweise in ihrer Distanzierung von derartigen,
der Technik eigentümlichen Haltungen, auf eine mögliche andere
Deutung der Welt.
Entsprechend diesen Diskursen identifizierten wir die Idee der Verfügbarkeit,
der Kontrolle und der Standardisierung als eher der Technologie zuzuschreibende
Metaphern, während der Kunst hier die Funktion der Abweichung, der
Individualisierung und der Veränderung attestiert wird.
II.2 Künstlerisches Tun: Annäherungen
von Kunst und Technologie
Nun sind dies aber kulturhistorisch gewachsene Mystifizierungen, die einer
genaueren Betrachtung unterzogen werden müssen: Die meisten klassischen
Bestimmungsversuche der Erkenntnisziele und Eigenarten von Kunst sind nämlich
zumeist dadurch charakterisiert, daß eine Wertung des Kunstwerks aus
der Perspektive der Kunstrezeption erfolgt. Wenn wir uns jedoch stattdessen
der Kunstproduktion zuwenden, stellt sich die oben skizzierte Kontrastierung
technologischer und ästhetischer Ziele weitaus weniger kraß dar.
Das enge Verhältnis von Kunst und Technik bzw. Technologie im Gestaltungsprozeß
ist bereits bei den Griechen ein wichtiges Thema gewesen, in der Folge innerhalb
der Philosophie jedoch eher marginal geblieben. Unter Verweis auf Aristoteles
zeigt so beispielsweise Weibel[8] die
enge Koppelung von "Techné" mit dem Begriff der Schöpfung
auf. Technik sei nicht nur Nachahmung der Natur, sondern auch Gestaltung,
schöpferische Neu- und Umformung; sie ist nicht per se Ausdrucksform
eines unbedingten Willen zur Rationalität und Rationalisierung = Verfügbarmachung,
sondern kann auch zu einer Überwindung und Neudeutung des Gegebenen
beitragen.
Wenn man aber die schöpferische Funktion der Technik als konstitutiv
begreift, dann greift die traditionelle Gegenüberstellung von Maschine,
Mechanischem, Technik und Technologie mit dem Schöpferischen, Kreativen,
und Imaginativen nicht länger. Diese Gegenüberstellung war ohnehin
nur möglich aufgrund der Tatsache, daß der Prozeß des künstlerischen
Schaffens, die Fragen nach dem Wie und Womit, aus der ästhetischen
Diskussion weitgehend ausgelassen wurden. Jeder Künstler greift nämlich
auf "Techniken" zurück und verfügt über ein erlerntes
Handwerk. Und zudem bediente er sich immer schon technischer Mittel, um
künstlerische Intentionen zum Ausdruck bringen zu können.
II.3 Kunst und Technologie in Kontext neuer Medien
Die Problematik, die aus der Anwendung von Technik in der Kunst resultiert,
liegt also weniger an der Nutzung von Technologie und der Anwendung zielgerichteter
Verfahrensweisen, sondern resultiert aus der im Kontext der Informationsgesellschaft
massiver werdenden Gefahr, daß die zweckrationalen Maxime heutiger
Techniknutzung als einzig mögliche Form des Umgangs mit Technik erscheinen
und so künstlerische Ansprüche und Intentionen verdrängt
werden könnten. Daraus läßt sich nicht nur der Schluß
ziehen, daß die Gestaltung der Technologie eine ausreichende Offenheit
implizieren muß, die den Künstlern eigenständige, individuelle
Umgangsweisen damit ermöglicht, sondern darüberhinaus sollten
die jeweiligen Systeme[9] unter einer
kritischen Perspektive benutzt werden, welche die impliziten Standardisierungen
solcher Werkzeuge erkennt und kreativ umzuwandeln vermag. Die bewußte
Distanzierung von bzw. der reflektierende Umgang mit technologischen Maximen,
die implizit in den Konzepten entsprechender Software zu finden sind, erscheint
so als grundlegende Voraussetzung einer schöpferischen Nutzung von
Technologie in der Kunst.
Wenn wir uns also im Rückblick nochmals unsere erste Hypothese vergegenwärtigen,
so bleibt festzuhalten, daß die Kraßheit der sozialphilosophischen
Gegenüberstellung nicht geteilt werden kann, sich aber anhand einer
derartigen Argumentation die Gefahr verdeutlichen läßt, die man
sich im Kontext der "Medien"-Kunst immer wieder verdeutlichen
muß: Die Gefahr nämlich, daß die technologischen Motive
von Kontrolle und Determination bei unreflektierter Nutzung neuer Medien
zum Verlust kontrastierender künstlerischer Ansprüche führen
können: Andererseits mag dies aber auch bedeuten, daß die Anwendung
von Technologie durch KünstlerInnen zu einer veränderten Form
von Technicknutzung und -entwicklung führen kann.
Das Verhältnis von Kunst und Technologie bleibt demnach ein spannungsgeladenes,
vielerlei Möglichkeiten in sich bergend. Es hängt ab von den KünstlerInnen,
in weitem Ausmaß aber auch von den Bedingungen, unter denen sie arbeiten,
ob und in welcher Weise Technologie produktiv genutzt werden kann.
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